Interview mit Dr. Matthias Rasch, Geschäftsführer (Vorsitzender) der Grundstücks-Gesellschaft TRAVE mbH
Aus Bauherrensicht stand zu Beginn eine klare Entscheidung: Das Hochhaus am Sterntalerweg sollte nicht abgebrochen, sondern erneuert werden. Zu diesem Zeitpunkt liefen bereits die Planungen für die Neue Mitte Moisling, dem Städtebauförderungsprojekt für ein neues Zentrum für den Stadtteil im Lübecker Süden. Die konkrete Ausgestaltung der Neuen Mitte war jedoch noch offen.
Dr. Matthias Rasch versteht die Sanierung nicht nur als technische Ertüchtigung, sondern als „Leuchtturmprojekt“ für den Stadtteil und für das Projekt der Neuen Mitte. Durch seine Höhe und die neue, offenere Gestaltung prägt das Gebäude das Stadtbild deutlich und macht das Wohnen im Inneren nach außen sichtbar. Diese Sichtbarkeit des Alltagslebens trägt zur Aufwertung und Belebung des Quartiers bei.
Charakteristisch für das Bauen im Bestand war dabei der produktive Umgang mit der vorhandenen Struktur. Bestehende Elemente wie Trockenböden, Loggien und Laubengänge wurden ausgebaut und weiterentwickelt, statt ersetzt. So entstand zusätzlicher Wohnraum durch Weiterbauen.
Das Hochhaus Sterntalerweg in Lübeck im Video
Revitalisierung Hochhaus Sterntalerweg in Lübeck – Hauptpreis
Interview mit Dr. Matthias Rasch
Welche Qualitäten des Bestands haben Sie im Laufe der Planung neu schätzen gelernt, die zu Beginn vielleicht noch nicht im Vordergrund standen?
Dr. Rasch: Ein besonderer Mehrwert nach der Sanierung sind die rückwärtigen Freisitze, die neben einer offenen Balkonfläche für jede Wohnung auch einen verglasten Wintergarten bieten. Das haben wir in dieser Form selbst im Neubau noch nicht realisiert. Dadurch entsteht einerseits eine hohe Wohnqualität und andererseits wird das Haus geradezu transparent und das Wohnen nach außen erlebbar.
Was unterscheidet aus Bauherrensicht ein solches Bauen im Bestand grundsätzlich von einem Neubauprojekt?
Dr. Rasch: Die Bereitschaft selbst bei fortgeschrittener Planung noch keine endgültige Sicherheit zu allen Sanierungsbedarfen und damit zu den abschließenden Kosten zu haben. Selbst gründliche Voruntersuchungen schützen nicht vor Überraschungen bei der Bausubstanz. Dann muss schnell reagiert werden, insofern ist der Steuerungsbedarf auch bei uns höher als beim Neubau.
War das Hochhaus aus Ihrer Sicht eher Impulsgeber für die Entwicklung der Neuen Mitte Moisling oder Teil einer bereits angestoßenen Entwicklung?
Dr. Rasch: Das Hochhaus im Sterntalerweg ist Teil einer bereits angestoßenen Entwicklung, die bereits vor rund 10 Jahren mit einem privat finanzierten Ärztehaus und der Aufnahme Moislings in das Städtebauförderungsprogramm begonnen hat. Allerdings hat es als größte Einzelinvestition und durch den baulich prägenden Charakter in der Neuen Mitte Moisling sicher eine ganz besondere Bedeutung – visuell, aber auch durch eine ganz neue Zielgruppe der Wohnungen.
Beobachten Sie bereits heute Veränderungen im Quartier, die Sie mit der Sanierung des Hochhauses in Verbindung bringen würden?
Dr. Rasch: Durch die abgeschlossene Sanierung dieses und eines benachbarten Hochhauses und den Wiederbezug der vorher langjährig leeren Gebäude haben sich die sozialen Strukturen deutlich verbessert. Allerdings steigen jetzt auch die Erwartungen, auf den benachbarten Flächen nachzulegen und die geplanten Angebote wie z.B. die Kindertagesstätte und einen attraktiven Einzelhandel schnell zu realisieren. Langfristig werden wir eine deutliche Aufwertung in der Neuen Mitte Moisling erreichen und das ist spätestens nach dem Bezug im Hochhaus Sterntalerweg auch für alle erkennbar.
Was können andere kommunale oder wohnungswirtschaftliche Akteure aus diesem Projekt lernen, wenn sie vor ähnlichen Bestandsgebäuden stehen?
Dr. Rasch: Zugegeben ist das Hochhaus im Sterntalerweg baukonstruktiv auch in unserem Bestand von rund 8.600 Wohnungen ein Einzelfall. Grundsätzlich zeigt es aber doch, wie man aus einer in Teilen abgängigen Bausubstanz durch eine gute Idee attraktiven, neubaugleichen Wohnraum schaffen kann. Zehn Jahre zuvor hätte man das Haus wahrscheinlich noch abgebrochen, aber heute sind wir bautechnisch weiter und wissen, dass eine Sanierung auch ökologisch meist der bessere Weg ist. Eine individuelle Betrachtung der Substanz und des Standortes und der künftigen Marktchancen nach einer Sanierung sind aber unerlässlich, da muss man sich vorab wirklich intensiv Gedanken machen.
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