Institut für
Qualitätsentwicklung an
Schulen Schleswig-Holstein: Thema: Ministerien & Behörden
Zeitgeschehen mit Curriculum verbinden
Gesellschaftswissenschaften liefern entscheidende Beiträge zur Stärkung der Demokratiebildung. Rund 100 Lehrkräfte nutzten das neue Format des fächerübergreifenden Landesthementags „Zeitenwende(n)“, um sich gezielt fortzubilden.
„Ist die gegenwärtige gesellschaftliche und (geo-)politische Situation überhaupt eine ‚Zeitenwende‘ oder gar ein Epochenbruch? Was muss Schule an dafür notwendigen Fähigkeiten vermitteln? Welche Leerstellen vermuten wir in den Fächern? Wie könnten und wie müssten die gefüllt werden?“, formulierte Dr. Benjamin Stello, Landesfachberater Geschichte, gemeinsam mit Oliver Sesemann, Landesfachberater Geographie, die Fragen, die Schulen und Gesellschaft bewegen. Ziel des gemeinsamen Fortbildungstags für Lehrkräfte der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer, betonten die beiden Organisatoren, sei deshalb zweierlei: einen sachlichen Überblick aus vielen Perspektiven auf das durchaus polarisierende Stichwort zu erarbeiten, und zugleich Ideen und Wege zu finden, die Themen wirksam in die Schule zu tragen.
Fundierte Impulse aus verschiedenen Perspektiven
Lehrkräfte stehen vor der Herausforderung, Schülerinnen und Schülern klare Handlungsleitlinien an die Hand zu geben. Sie sollen vermitteln, was es braucht, um sich gut zu informieren, was ein Wert- von einem Sachurteil unterscheidet und wo letztlich die Freiheit der eigenen Bewertung endet und die klaren Fakten beginnen. Gerade in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern wie Geschichte, WiPo oder Philosophie ist der richtige Raum dafür, aktuelle Entwicklungen in den Unterricht zu integrieren. Angesichts der zahlreichen historischen, ökonomischen, ökologischen, soziologischen und politischen Transformationsprozesse auf allen Ebenen ist es eine Herausforderung, das Zeitgeschehen mit curricularen Vorgaben zu verbinden. Um den Lehrkräften fundierte Impulse aus möglichst vielen Perspektiven zu geben, hatte das Team Expertinnen und Experten aus Ökonomie, Sicherheitspolitik, Religion bis hin zu Geschichte und Diversitätsforschung eingeladen.
Auch Staatssekretärin Magdalena Finke, Innenministerium, die als erste Innenstaatssekretärin bei einem Bildungskongress sprach, begrüßte die fächer- und aufgabenübergreifende Zusammenarbeit ausdrücklich und betonte, diese leiste einen entscheidenden Beitrag dazu, ein Gefühl der Stabilität und Sicherheit zu vermitteln: „Die Herausforderungen werden überall größer, geopolitische Spannungen nehmen in der Welt zu, Partner erweisen sich nicht als so stabil wie gedacht, Krisensituationen mehren sich – es ist eine Zeit, in der es besonders auf Resilienz und Demokratiestärkung ankommt“. Für einen guten Bevölkerungsschutz, so Finke, der im Verantwortungsbereich des Innenministeriums liege, sei deshalb die Kommunikation mit den Schulen und den Lehrkräften entscheidend.
Erinnerung als Fluch und Segen
Doch was meint überhaupt der Begriff Zeitenwende in den verschiedenen Disziplinen? Prof. Jörg Baberowski, Humboldt-Universität Berlin, definierte den Begriff im Rahmen der einleitenden Diskussionsrunde nicht als einen Zeitpunkt, an dem etwas geschehe, sondern als kollektive Erinnerung daran, was geschehen sei. Erinnerung, so Baberowski, sei Fluch und Segen zugleich. Denn Menschen lebten in Kontinuität, und strebten stets danach, diese zu erhalten – was erinnert werde, was erlebt werde und wie es bewertet werde, sei darum höchst individuell und auch fluide. Deshalb sei die Herausforderung insbesondere für Schule, den eigenen Einfluss, die eigene Bewertung und die Möglichkeiten der eigenen Gestaltung auf Geschehen und Geschichte bewusst zu machen. „Menschen glauben, dass Geschichte sie lenkt, aber tatsächlich lenken die Menschen die Geschichte“, so Baberowski.
Prof. Dr. Aoife Hanley (Kiel Institut für Weltwirtschaft), Henrik Schilling und Leonie Heyn (beide Institut für Sicherheitspolitik) diskutieren über Zeitenwende.
Vielfalt richtig einordnen
Den Faden griff Dr. Ivana Bitto, Landesfachberaterin Diversitätsbewusste Schule, IQSH, auf und betonte, Erinnerungskultur sei ein zentrales Fundament für jede Gesellschaft, die demokratisch ist. Sie forderte daher mehr Fokus auf die Pluralität von Erfahrungen, gerade in postmigrantischen Gesellschaften. Diversität, betonte sie, sei dabei nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal. Immer gelte es, den Rahmen zu betrachten – man müsse auch nein sagen können zu extremistischen Positionen.
Aus der Forschung zur Sicherheitspolitik brachten Leonie Heyn und Henrik Schilling (beide Institut für Sicherheitspolitik, CAU Kiel) Reflexionen und Ergebnisse zu Extremismuspositionen in Bezug auf Sicherheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt ein. Beide betonten die Bedeutung von kritischer Medienbildung und Kommunikation angesichts zunehmender Radikalisierung auf den Plattformen der sozialen Medien, die häufig von Hilflosigkeit und Überforderung angesichts der Krisensituationen sichtbar würden. „Angesichts der emotionalisierten Debatten müssen wir die Dinge besser erklären“, fasste Schilling zusammen. Die Schnelllebigkeit des Geschehens, vor allem Social Media, stehe im Kontrast zum Internet, das nichts vergesse.
Klarer Rahmen für den Unterricht
Während das Panel die Vielfalt der Standpunkte veranschaulichte, wurde zugleich deutlich, wie anspruchsvoll der Transfer in die Lebenswelt von Schule sei. Denn Schülerinnen und Schüler müssten gemäß Anforderungsbereich 3 in Klausuren zunächst Sach- und dann fundierte Werturteile treffen. Doch die Frage sei, an welchen Kriterien sie sich orientieren, wenn sie Sachverhalte bewerten würden. Als ökonomischen Impuls betonte Prof. Aoife Hanley (Kiel Institut für Weltwirtschaft), ökonomisch gebe es klare Fakten, Schwarz und Weiß, auch wenn das Multiperspektivische der Welt ein wichtiges Erkenntniselement sei.
Fachübergreifender Austausch zukünftig noch wichtiger
Philipp Möller, stellvertretender Abteilungsleiter Fort- und Weiterbildung am IQSH, lobte den herausragenden Ansatz des Fachtags: „So wie sich die gesellschaftlichen Entwicklungen zeigen, bedarf es überall mehr Zusammenarbeit, mehr Miteinander und mehr Austausch“. Um diesen Entwicklungen begegnen zu können, werde es zukünftig noch wichtiger, sich damit zu beschäftigen, wie sich das eigene Fach in Auseinandersetzung mit den anderen Fächern weiterentwickeln soll, betonte er. Diesen Gedanken werden die Landesfachberatungen am IQSH über die nächsten Jahre noch stärker in den Mittelpunkt stellen, so Möller.
Henrik Schillig, Prof. Aoife Hanley, Leonie Heyn, Dr. Ivana Bitto, Prof. Dr. Jörg Baberowski mit den Organisatoren Dr. Benjamin Stello, Philipp Möller und Oliver Sesemann beim Fachtag.
In den Workshops standen unterschiedliche Aspekte im Vordergrund.
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