Es gilt das gesprochene Wort.
Sehr geehrter Herr Westermann-Lammers,
sehr geehrter Herr Prof. Lätzel,
sehr geehrter Herr Irlenkäuser,
sehr geehrter Herr Magnusson,
sehr geehrte Autorinnen und Autoren,
meine Damen und Herren, liebe Gäste,
es ist mir eine Freude, heute bei Ihnen zu sein und den diesjährigen 31. Literatursommer eröffnen zu dürfen.
Es ist ein Literatursommer, der in diesem Jahr etwas anders beginnt als sonst.
Ein Literatursommer, der sich neu erfindet.
Ein Literatursommer, der erstmals kein Land in den Mittelpunkt stellt, sondern eine Idee.
Und was für eine Idee das ist: „Freiheit“.
Ein großes Wort. Vielleicht eines der größten, die wir haben – und zugleich eines der fragilsten.
Denn wir kommen hier in einer Zeit zusammen, in der Freiheit alles andere als selbstverständlich ist – in der Welt, in Europa und manchmal auch in unserem Alltag hier im Norden.
Die aktuellen geopolitischen Entwicklungen zeigen:
Freiheit ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie ist eine konsequente Bewegung, ein ewiges Erringen und Verteidigen.
In diesem Sommer wollen wir von Freiheit erzählen.
Genau darin liegt für mich die Kraft der Literatur. Sie beschreibt Freiheit nicht nur, sie macht sie erfahrbar.
Der Literatursommer Schleswig-Holstein hat in den vergangenen 30 Jahren immer wieder diese Kraft genutzt und Brücken gebaut – zwischen Ländern, Kulturen, Sprachen und Perspektiven.
Schon 1995 begann alles mit dem Motto „Weltliteratur aus Schleswig-Holstein“.
Auch damals ging es darum, das Eigene mit dem Fremden zu verbinden, mit Texten von Theodor Storm, Thomas Mann oder Sarah Kirsch.
Ein Jahr später wurde Österreich das erste Gastland.
Von da an öffnete sich unser Land zwischen den Meeren Jahr für Jahr immer weiter: Länderschwerpunkte wie Japan, Israel, USA, China, Großbritannien – zuletzt Italien und Schweden.
Wir waren literarisch auf Reisen, ohne unser schönes Schleswig-Holstein verlassen zu müssen.
Nach drei Jahrzehnten erleben wir nun einen neuen Aufbruch:
kein Länderschwerpunkt mehr – stattdessen ein Themenschwerpunkt.
Das ist für mich auch ein Perspektivwechsel, denn während Länder Grenzen haben, hat ein Thema keine.
Und allein die Idee, von Freiheit zu erzählen, hat ja auch eine verbindende Wirkung.
Sie öffnet einen Raum, in dem unterschiedliche Stimmen und Geschichten nebeneinander stehen können.
Auch das ist die besondere Kraft der Literatur:
Sie ist vielstimmig und multidimensional, mal eindeutig, mal mehrdeutig, widersprüchlich, unbequem, beruhigend und belebend.
Diese Vielfalt zeigt sich auch im Programm des diesjährigen Literatursommers:
Es kommt Serhij Zhadan aus der Ukraine, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels und ein Autor, dessen Schreiben untrennbar verbunden ist mit einem Land im Krieg und der Frage, was Freiheit bedeutet, wenn sie bedroht wird.
Es kommen mit Katja Petrowskaja und Yuriy Gurzhy, zwei ebenfalls ukrainische Stimmen, die auf ganz unterschiedliche Weise von Herkunft, Erinnerung und Gegenwart erzählen.
Ihre Texte und Musik zeigen: Freiheit ist nicht abstrakt, sondern konkret, biografisch und vor allem politisch.
Dann begegnen wir Autorinnen und Autoren, die Freiheit aus ganz anderen Perspektiven sehen:
Cécile Wajsbrot aus Frankreich, die in ihrem Roman die Figur des „Ikarus“ aufgreift, eine der ältesten Geschichten über das Streben nach Freiheit und das Risiko, daran zu scheitern.
Stella Gaitano aus dem Südsudan, die Geschichten von Frauen beschreibt, die in einem von Konflikten geprägten Land einen eigenen Weg suchen.
Meike Rötzer, Berlin, die mit „Anna Karenina“ einen Klassiker neu erzählt und damit zeigt, dass auch das Erzählen selbst ein Akt der Freiheit ist.
Arno Frank, Wiesbaden, der uns zurückführt in die Jahre 1935 bis 1945 und damit in eine Zeit, in der – wie wir sehr gut wissen – Freiheit vollends verloren ging.
Vielleicht müssen wir uns auch heute fragen, woran genau man merkt, dass Freiheit verschwindet?
Meine Damen und Herren, auch Stimmen aus Schleswig-Holstein fehlen nicht: mit Svenja Leiber aus Lübeck, die sich mit den Folgen der Zwangsarbeit im Dritten Reich beschäftigt, und Malte Borsdorf aus Flintbek, der zeigt, wie Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt.
Und schließlich ist Kristof Magnusson aus Berlin zu Gast, den wir heute Abend noch erleben werden.
Er hat seinen Roman „Die Reise ans Ende der Geschichte“ mitgebracht, der sich mit Spionage und Umbrüchen beschäftigt und uns daran erinnert, dass Freiheit immer auch an Vertrauen gebunden ist.
Herr Magnusson, ich freue mich sehr auf Ihre Lesung.
Meine Damen und Herren, was all diese Schreibenden eint, ist nicht eine gemeinsame Herkunft oder eine gemeinsame Sprache.
Es eint sie ein gemeinsames Fragen:
Was bedeutet Freiheit?
Wer darf frei sein – und wer nicht?
Was braucht Freiheit?
Was kostet Freiheit?
Und wie sprechen oder schreiben wir von Freiheit?
Wie schreiben wir frei von Konventionen, Regeln oder Traditionen – oder spielen wir eben damit?
Der Literatursommer bringt diese Fragen in das ganze Land:
22 Veranstaltungen, 15 Orte, von Kirchen über Museen bis hin zu Bibliotheken, Bürgerhäusern und Kinos.
Mit der Stadtbücherei Schwarzenbek kommt in diesem Jahr ein neuer Ort hinzu.
So muss es sein: Literatur gehört dorthin, wo Menschen sind – in die Städte und aufs Land, in große Säle und kleine Räume, zu Jung und Alt.
Für mich ist das die große Stärke dieses Festivals: Dass es alle Menschen anspricht und Literatur nicht nur vorträgt, sondern erlebbar macht.
Die Notio von Freiheit – gedanklich wie politisch – ist nie eindeutig. Sie muss immer wieder debattiert und definiert werden.
Literatur, im Besonderen die Dichtkunst, kann diese Komplexität aushalten und sichtbar machen. Sie kann wortwörtlich Freiheit erklären.
Damit ist der Literatursommer weit mehr als ein kulturelles Programm.
Er ist eine Einladung an alle Interessierten in Schleswig-Holstein und darüber hinaus, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, andere Sichtweisen kennenzulernen und über Freiheit nachzudenken.
Wenn wir den Literatursommer heute eröffnen, dann eröffnen wir also vor allem einen Raum für Begegnung und Austausch.
Und vielleicht gehen wir am Ende mit mehr Fragen nach Hause als zuvor.
Doch das wäre kein Mangel: Gute Literatur gibt selten einfache Antworten, aber stellt die richtigen Fragen.
Ich muss unweigerlich an Friedrich Schiller [1759-1805] denken und seine Briefe „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Erlauben Sie mir ein Zitat:
„Mitten in dem furchtbaren Reich der Kräfte und mitten in dem heiligen Reich der Gesetze baut der ästhetische Bildungstrieb unvermerkt an einem dritten, fröhlichen Reiche des Spiels und des Scheins, worin er dem Menschen die Fesseln aller Verhältnisse abnimmt und ihn von allem, was Zwang heißt, sowohl im Physischen als im Moralischen entbindet.“
Schiller fragt nach der optimalen Gesellschaft im Zusammenhang mit der Schönheit als Grundidee von Freiheit.
Ideal und frei ist demnach eine Gesellschaft, die eine ästhetische Politik betreibt – und die Veredelung des Menschen zum Gebildeten anstrebt.
Nur ein ästhetisch gebildeter Mensch kann folglich auch frei sein – und umgekehrt beurteilt jeder wirklich freie Mensch die Welt nach ästhetischen Maßstäben.
Für Schiller ist Freiheit also die Grundlage von Kultur und Demokratie.
Und das bedeutet, dass Freiheit nie aus Gewalt heraus entstehen kann. Sie muss stets ermöglicht werden.
Zum Beispiel durch die Ästhetik der Kunst, der Literatur, des sich Erzählens und Zuhörens – so wie wir es heute Abend tun.
Ich möchte mich herzlich bedanken bei allen, die den Literatursommer möglich machen, besonders bei den vielen Veranstaltern im Land – und ich erwähne nur einige Namen, ohne das großartige Engagement aller anderen schmälern zu wollen:
beim Museumsberg Flensburg,
beim Künstlerhaus Lauenburg,
beim Nordkolleg Rendsburg,
beim Förderverein für Kunst und Kultur in Eiderstedt,
beim Kunstverein Heide,
beim Buchladen Peter Panter in Meldorf
und natürlich bei der Investitionsbank Schleswig-Holstein, die die Arbeit des Literaturhauses seit vielen Jahren fördert und in deren schönen Räumen wir heute Abend zu Gast sein dürfen.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen inspirierenden, bewegenden und vielleicht auch herausfordernden Literatursommer.
Einen Sommer, der uns neue Perspektiven eröffnet, der uns miteinander ins Gespräch bringt und der uns daran erinnert, wie wertvoll und wie zerbrechlich zugleich Freiheit auch heute ist.
Vielen Dank.
Dr. Dorit Stenke
Ministerin für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein