Es gilt das gesprochene Wort.
Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrte Frau Büdenbender,
sehr geehrter Herr Staatsminister,
sehr geehrter Herr Stadtpräsident,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Frau Dr. Heuer,
sehr geehrter Herr Dr. von Stockhausen,
meine Damen und Herren!
Ich begrüße Sie alle ganz herzlich in Vertretung unseres leider erkrankten Ministerpräsidenten Daniel Günther. Es ist ihm wirklich sehr schwergefallen, diese Rede heute absagen zu müssen.
Auch weil wir uns alle sehr freuen, dass mit Herrn Professor Fridolin Mann ein Nachfahre des Jubilars an diesem Festakt teilnimmt. Danke, dass Sie diesen Tag mit uns feiern, sehr geehrter Herr Mann.
Mit den Werken und Worten Thomas Manns beschäftigen sich die meisten Menschen daheim im Lesesessel. Manche auch am Schreibtisch – in der Redaktion oder ihrer Fakultät. Einige wenige bearbeiten das Gedenken an Thomas Mann in den Ausstellungsräumen eines Museums.
Heute kommen viele der von Thomas Mann Faszinierten und an ihm Interessierten hier in Lübeck zusammen – um ihn gemeinsam zu feiern. Mit Reden, Musik und einem Ausstellungsbeginn.
Ich danke allen Organisatorinnen und Organisatoren, die diesen Festakt lange durchdacht, geplant und vorbereitet haben und uns damit die Gelegenheit geben, zum 150. Geburtstag Thomas Manns über ihn und sein Werk nachzudenken und zu sprechen.
Als Bildungs- und Kulturministerin dieses Landes stehe ich vor der Aufgabe, etwas über Thomas Mann und Schleswig-Holstein zu sagen. Das stellt mich vor eine gewisse Herausforderung. Denn Thomas Mann war zuallererst Lübecker Hanseat. Zwar hat Mann nur 19 Jahre seines Lebens in der Hansestadt verbracht. Aber Zeit seines Lebens hat er sich als Sohn eines Lübecker Senators und als Hanseat identifiziert. Er hat seiner Heimatstadt in zahlreichen literarischen Werken ein Denkmal gesetzt. Er sagte selbst einmal, Lübeck sei „von Anfang bis zu[m] Ende“ (XI, 388) in seinem Werk zu finden. Die Hansestadt habe ihn „entscheidend bestimmt und beherrscht“ (Ebd.). Das sagte er allerdings 1926 – nicht wissend, welche einschneidenden Geschehnisse ihn noch erwarteten, die sein Werk prägen sollten. Nicht wissend, welche Wandlungen er selbst noch durchlaufen würde.
In Bezug auf die darauffolgenden Jahre kennen wir zahlreiche Zuschreibungen: Thomas Mann als berühmter Exilant, „Thomas Mann, der Amerikaner“ 1, Thomas Mann als Deutscher und Weltbürger 2. Ganz zu schweigen von den politischen Zuschreibungen, die seine Entwicklung zum überzeugten Demokraten beschreiben. Aber: Thomas Mann, der Schleswig-Holsteiner? Davon kann – rein historisch – keine Rede sein. Denn das Lübeck aus Thomas Manns Kindheit gehörte nicht zur damals Preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Er selbst hielt 1926 den Festvortrag zu 700 Jahren Reichsfreiheit.
Thomas Mann ist auch wenig innerhalb der Grenzen unseres jetzigen Bundeslandes gereist. Zumindest ist davon nicht viel überliefert. Wovon wir allerdings wissen, ist ein mehrwöchiger Aufenthalt in Glücksburg an der Ostsee 1919. Aus München angereist, den Ersten Weltkrieg mit seinen rationierten Lebensmitteln noch frisch im Gedächtnis, begeisterten ihn vor allem zwei Dinge: das gute Essen und das Meer (Tb, 24. Juli bis 5. August 1919). Versorgt mit „herrlich[] feste[m] norddeutsche[m] Rührei“ und warmem Grog fühlte er sich „wie im himmlischen Paradiese“ – so schreibt er es seiner Tochter Erika 3. Beides tröstet ihn über das schlechte Wetter hinweg, trotz dessen er in der Ostsee badet. Für seine nächsten Urlaube zieht er dann die Westküste vor und dort – natürlich – die Insel Sylt. Badend, spazierend und erneut manchen Grog trinkend, hat Mann auf Sylt „tief gelebt“ 4, wie er dankbar im Gästebuch von Clara Tiedemann notiert. An Ernst Bertram schrieb er einmal: „[i]ch habe noch immer den weichen Donner der Brandung im Ohr.“ (23.1, 311)
Damit sind im Grunde schon herausragende Merkmale Schleswig-Holsteins treffend beschrieben. Hinzudenken könnten wir uns jetzt noch die Passagen auf Plattdeutsch im großen Lübeck-Roman Buddenbrooks. Fertig wäre der Heimatdichter? Das ist Thomas Mann gerade nicht. Wesentliche Teile seines Werks wie die unsterblichen Buddenbrooks mögen einen lokalen Anstrich haben – ihr Inhalt weist weit über Lübeck und Schleswig-Holstein hinaus.
Was verbindet Thomas Mann und Schleswig-Holstein dann heute noch?
Die Liebe zu Sylt? Oder vielleicht die Sehnsucht nach unbeschwerten Kindheitstagen am Strand von Travemünde? Diese Sehnsucht teilen bis heute viele Menschen in Schleswig-Holstein und weit darüber hinaus mit Thomas Mann. Menschen, die als Einheimische und Touristen seit Jahrzehnten manchen unbeschwerten Sommertag an unseren Küsten verbringen, so wie Tony oder Hanno Buddenbrook es tun. Darin spiegelt sich Thomas Manns tiefe Liebe zum Meer, die sich durch sein ganzes Werk und sein Leben zieht.
Und darüber hinaus? Wenn es zu den uns zugeschriebenen Eigenarten zählt, eine klare Haltung zu haben und diese auch klar zu formulieren – so wie wir das als Norddeutsche gerne für uns in Anspruch nehmen – dann ist Thomas Mann wohl wirklich „einer von uns“ gewesen.
Trotz seiner Vorliebe für überlange Schachtelsätze hat der „Meister der Zwischentöne“ 5 in seinen Reden und öffentlichen Äußerungen sehr klar Position bezogen und Haltung gezeigt. Und dabei immer auch Gegenwind in Kauf genommen. Thomas Mann selbst sagt in seiner Chicagoer Rede von 1950 rückblickend: „Meine Zeit – ich habe […] nie ihren Liebediener und Schmeichler gemacht […].“ (XI, 314) Das wird in seinen Äußerungen gegenüber dem erstarkenden Faschismus im Deutschland der 1920er und 1930er Jahre deutlich. Und später dann noch stärker, in seinen BBC-Reden an die Deutschen Hörer!: Wenn er den Faschismus und die Nationalsozialisten klar verurteilt, Hitler eine „lichtlose Lügenseele“ (XI, 95) nennt und die Verbrechen Nazi-Deutschlands klar benennt. Seine Haltung zeigt sich, wenn er die Bombardierung Lübecks, sogar die mögliche Zerstörung des Hauses seiner Großeltern in der Mengstraße, als gerechtfertigt beschreibt. Mit den Worten: „[Ich] habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss.“ (XI, 1034)
Seine Haltung zeigt sich auch, als Mann gegen Ende des Krieges seinem deutschen Radiopublikum dessen Verbrechen dargelegt und sie ermahnt, dafür Verantwortung zu übernehmen. Dabei schon ahnend, dass die Deutschen zu viel Schuld auf sich geladen haben, um klar auf die Geschehnisse blicken zu wollen. Als er nach dem Krieg in dem Artikel Die deutschen KZ über die Schoah schreibt – da ist die Reaktion der meisten Deutschen: Ablehnung, manchmal sogar blanker Hass.
Auch Thomas Mann muss für seine klaren, wahren Worte bezahlen. Auf Jahrzehnte wird er auf politischer und persönlicher Ebene kritisiert und angegriffen. Das Urteil über das literarische Vermächtnis des Nobelpreisträgers fiel gemischt aus. 6
Und seine Heimatstadt? Die Lübeckerinnen und Lübecker scheinen Thomas Mann seine Äußerungen zu denen – aus seiner Sicht – gerechten Bombennächten weit früher als der Rest der Republik verziehen zu haben. Seinen Debüt-Roman Buddenbrooks, mit dem Thomas Mann den Lübecker Geld- und Kaufmannsadel seiner Jugend mit klarem Blick seziert und vor einer weltweiten Leserschaft bloßstellt, haben sie ihm sowieso verziehen. Größtenteils zumindest: 1955 verleiht die Stadt Lübeck Thomas Mann die Ehrenbürgerwürde – die Mehrheit für diese Entscheidung in der Bürgerschaft ist mit nur einer Stimme Vorsprung jedoch denkbar knapp. Dennoch war die Verleihung ein Zeichen der Versöhnung. Sowohl der Versöhnung Lübecks mit Thomas Mann. Als auch der Versöhnung Thomas Manns mit seiner eigenen Vergangenheit: Der Sohn der Stadt, der den eigenen Vater enttäuschte, weil der das Geschäft der Familie nicht weiterführen wollte. Dieser Sohn wünscht sich in seiner Dankesrede, sein Vater hätte erleben können, wie er, Thomas, sich „auf [s]eine Art als sein Sohn, sein echter erweisen konnte.“ (III, 535)
Auch wenn Thomas Mann auf den Stolz seines Vaters verzichten musste – die Lübeckerinnen und Lübecker von heute sind umso mehr stolz auf ihren Thomas Mann. Noch heute sind sie ihm so stark verbunden, dass vor kurzem in der Lübecker Bürgerschaft – und in der gesamten Stadtgesellschaft – lebhaft darüber gestritten wurde, wie mit dem Buddenbrookhaus umzugehen sei. Der Erhalt stand dabei niemals in Frage und alle Beteiligten, auch das Land, tragen das Projekt trotz stark gestiegener Kosten weiterhin.
Das Buddenbrookhaus/ Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum in Lübeck ist der zentrale Erinnerungsort und das Museum für Thomas Mann und seine künstlerisch gesegnete Familie. In dem weltweit berühmten Haus mit der weißen Fassade in der Mengstraße sind Fiktion und Realität verflochten. Das im Buddenbrookhaus beheimatete Museum zählt zu den Leuchttürmen der Museumslandschaft in Schleswig-Holstein. Damit auch in Zukunft viele Besucherinnen und Besucher aus aller Welt in die Geschichte und das Werk der Manns eintauchen können, wird das Buddenbrookhaus jetzt umgebaut, renoviert und um das NEUE Buddenbrookhaus erweitert. Das heutige Jubiläum feiern wir deshalb statt in der Mengstraße an mehreren Orten, verteilt über die Stadt – und das hat ja auch eine schöne Symbolik.
Meine Damen und Herren, mit der Gründung unseres Landes haben wir in Schleswig-Holstein die Hansestadt Lübeck hinzugewonnen – und die Erinnerung an einen ihrer bedeutendsten Söhne gleich mit. Diese Erinnerung pflegen wir, und wir halten sie in Ehren – heute sind alle Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner stolz auf Thomas Mann. Vielleicht liegt darin die stärkste Verbindung Schleswig-Holsteins mit Thomas Mann.
Ich denke auch, es geht gar nicht so sehr darum, ihn mit einer Zuschreibung zu verbinden. Mit einer Stadt, mit einem Land oder einer Weltanschauung. Denn wir feiern Thomas Mann heute nicht als Heimatschriftsteller, sondern als Weltbürger und Intellektuellen. Der zwar in Lübeck verwurzelt war und der den Norden einer breiten Weltöffentlichkeit bekannt gemacht hat. Vielleicht sogar einen Teil davon selbst in die Welt getragen hat. Der aber darüber hinaus durch sein Gesamtwerk und durch seine persönliche Biografie seit dem Erscheinen der Buddenbrooks vor über 120 Jahren Menschen begeistert, fasziniert und Respekt abringt.
Wir freuen uns und sind dankbar für das Werk, das er geschaffen und uns hinterlassen hat. Für seine Geschichten, seine Figuren und seine Worte – ob in Romanen oder Reden – in denen wir bis heute etwas für uns entdecken können.
Wir feiern heute einen herausragenden Schriftsteller. Einen Verfechter des freien Wortes und der Demokratie. Ich möchte an dieser Stelle auch noch einmal meine ganz persönliche Hochachtung zum Ausdruck bringen – für sein Eintreten für Demokratie und Menschlichkeit, seinen Kampf gegen die nationalsozialistische Barbarei.
Wir feiern 150 Jahre Thomas Mann. Er hat uns Heutigen noch viel zu sagen.
Vielen Dank!
Dr. Dorit Stenke
Ministerin für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein
Fußnoten:
1 Hans Rudolf Vaget: Thomas Mann, der Amerikaner. Leben und Werk im amerikanischen Exil 1938–1952. Frankfurt/Main: S. Fischer 2011.
2 Donald A. Prater: Thomas Mann. Deutscher und Weltbürger. Eine Biographie. Frankfurt/Main: S. Fischer 1995.
3 Die Briefe der Manns. Ein Familienportrait, hrsg. von Tilmann Lahme, Holger Pils und Kerstin Klein. Frankfurt/Main: S. Fischer 2014, S. 9.
4 Gästebuch von Clara Tiedemanns Haus Kliffende in Kampen, zit. nach: Manfred Wedemeyer: Sylter Literaturgeschichte in einer Stunde. Ein Überblick, Münsterdorf 1972, S. 6.
5 Heinrich Detering: „Sein Albtraum wird wahr“. Gespräch mit Heinrich Detering, in: ZEIT Geschichte, Jg. 2025, H. 2, S. 116—119, hier S. 118.
6 Vergeleiche beispielsweise FaZ-Umfragen von 1975, 1985 und 2001 unter Gegenwartsautoren.