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Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung,
Wissenschaft, Forschung und Kultur
: Thema: Ministerien & Behörden

Dr. Dorit Stenke

Ministerin für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur

Schule der Zukunft – Müssen wir Lernen neu denken?

Impulsvortrag am 24. März 2026 in Kiel

Letzte Aktualisierung: 24.03.2026

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Winkelmann,

sehr geehrte Mitglieder, meine Damen und Herren,

nach dem leckeren Essen wünsche ich Ihnen allen noch einmal offiziell einen guten Abend und bedanke mich sehr herzlich für die Einladung in Ihren Business Club.

Ich freue mich, hier zu sein und über ein zentrales Thema zu sprechen: über Bildung, genauer gesagt über die Bildung der Zukunft.

Wir leben in einer Welt, die sich im ständigen Wandel befindet: Unser Klima, die Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Soziale Medien – mit diesen Entwicklungen ändert sich nicht nur unser Alltag, sondern auch die Anforderungen an Bildung.

  • Wie müssen Lehren und Lernen aussehen, um Schülerinnen und Schüler gut auf ein eigenständiges Leben und die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten?

  • Was brauchen Lehrkräfte, um auch in Zukunft einen guten Unterricht zu gestalten?

  • Und vor allem, was benötigen unsere Schülerinnen und Schüler, um mit Begeisterungim besten Falle – durch die Schule zu gehen, einen Abschluss zu erwerben und in ein erfülltes Leben zu starten?

Schule muss weiterhin ein Ort der Möglichkeiten sein, an dem sich Kinder und Jugendliche fachlich und persönlich voll entfalten können.

Unsere Bildungsziele aus dem Rahmenkonzept Schule 2035 beziehen sich schon jetzt darauf:

Sie streben eine individuelle Kompetenz- und Leistungsentwicklung, Chancengerechtigkeit und Wohlbefinden an – für alle Schülerinnen und Schüler.

Das Konzept ist der verbindliche Rahmen für die Schulentwicklung.

Aber es ist mehr als ein Konzept – es ist auch ein Versprechen an die Kinder und Jugendlichen in unserem Land, dass wir gemeinsam alles dafür tun, ihnen die besten Chancen für die Zukunft zu ermöglichen.

Wir alle wissen, und das bestätigen auch Studien, dass die Schulbildung zentral für die Demokratiefähigkeit und das Demokratiebewusstsein ist, weil sie als einziger Bildungsort alle jungen Menschen erreicht und ihnen Wissen, Haltungen und Erfahrungen gemeinschaftlichen Leben und Handelns vermittelt.

Wenn wir über die Schule der Zukunft sprechen, dann denken wir dabei an solch eine Institution, die Heranwachsende befähigt, sich für das persönliche und gesellschaftliche Wohlergeben, Freiheit und Demokratie einzusetzen.

Während Schule früher vor allem Wissensvermittlung mit Fakten, Formeln und Regeln war, reicht dieser Ansatz heute nicht mehr aus wir alle tragen das Wissen der Welt quasi in der Hosentasche; Informationen sind mit dem Smartphone in Sekunden verfügbar.

Was wir heute brauchen, sind sogenannte „Zukunftskompetenzen“.

Das sind Fähigkeiten, die uns ermächtigen, uns in einer komplexer werdenden Welt zu orientieren. Darauf muss sich die Schule einstellen.

Hier spricht die Wissenschaft, unter anderem die Bildungsforscherin Anne Sliwka von der Universität Heidelberg, von einem Paradigmenwechsel: Wir müssen weg vom frontalen Unterrichten und Abfragen schulischer Inhalte, hin zur Befähigung junger Menschen.

Schule darf nicht nur Wissen vermitteln, sondern muss die Fähigkeit zur Selbstentwicklung fördern.

Sliwka versteht unter Zukunftskompetenzen oder Future Skills jene Kompetenzen, die wir brauchen, um handlungsfähig zu bleiben – vor allem hinsichtlich der krisenhaften, dynamischen und digitalisierten Welt.

Dafür müssen wir uns selbst immer wieder neues Wissen aneignen – genauso unsere Schülerinnen und Schüler.

Zu den Zukunftskompetenzen zählen kritisches Denken, Kommunikation, Teamfähigkeit, Kreativität, Selbstregulation und Resilienz.

Es kommt also darauf an:

  • das eigene Lernen zu planen, sich Ziele zu setzen und diese zu verfolgen,

  • Informationen kritisch zu prüfen und Perspektiven abzuwägen,

  • Probleme und Herausforderungen kreativ lösen zu können,

  • mit anderen konstruktiv zusammenzuarbeiten

  • und in unsicheren Situationen psychisch widerstandsfähig zu bleiben.

Diese Kompetenzen sind bereits heute zentral. Aber sie gewinnen zukünftig an Bedeutung, weil sie das Fundament für lebenslanges Lernen und Selbstwirksamkeit bilden.

Wie sieht die Schule der Zukunft aus?

Wir müssen Schule noch stärker als lernende Organisation begreifen. Dieser Charakter, dieser Anspruch muss das Selbstverständnis von zukünftiger Schulkultur sein.

Alle in diesem „System Schule“ dürfen permanent lernen – auch die Lehrkräfte.

Dafür brauchen wir Daten und Diagnostik, also Informationen aus Beobachtungen und Testdaten zum einzelnen Schüler, zur einzelnen Schülerin.

Das sind zum Beispiel Lernstandserhebungen, wie wir sie in Schleswig-Holstein mit LeA.SH bereits nutzen und ausbauen, aber auch Feedback.

Diese Informationen können wir in Bezug setzen und vergleichen mit anderen Schulklassen, Regionen und Bundesländern, um Erkenntnisse daraus zu gewinnen.

Damit beschreibe ich eine bewusste Systemsteuerung von Schule, die sich an Forschungsergebnissen und Praxiserfahrungen orientiert.

Zur Schule der Zukunft gehört auch ein gemeinsam gelebtes positives Mindset, nach dem es keine Fehler, sondern nur Lernchancen gibt.

Die Grundlage dafür ist eine vertrauensvolle und wertschätzende Schulkultur, in der sich alle Schülerinnen und Schüler sicher und wertvoll fühlen – die Grundbedingung für erfolgreiches Lernen.

Die Schule der Zukunft darf sich nicht nur technisch weiterentwickeln und digitaler werden – sie muss tatsächlich menschlich bleiben, wenn nicht sogar menschlicher werden.

Das ist eine wichtige Prämisse für die Transformation.

Tablets und Dashboards allein verbessern noch keinen Unterricht. Entscheidend ist, wie damit gelernt wird.

Wissenschaftliche Studien, etwa aus der Bildungsforschung der OECD, zeigen, dass Kinder besonders nachhaltig lernen, wenn sie aktiv einbezogen werden und kooperativ forschen dürfen.

Das folgt Sliwkas Paradigmenwechsel und beschreibt die Unterrichtsentwicklung zu mehr Projektarbeit, Selbstlernphasen und interdisziplinärem Denken.

Hierbei gehen die Schülerinnen und Schüler selbst gewählten Fragen nach, formulieren eigene Ziele, planen ihr Vorgehen, recherchieren Informationen, dokumentieren Ergebnisse, reflektieren den Fortschritt und ziehen persönliche Schlüsse.

Die Lehrkräfte begleiten diesen Prozess des Selbstlernens und greifen bei Bedarf unterstützend ein.

Ein weiteres Element ist das so genannte Feedback, das ich schon angesprochen habe.

Statt nur Noten zu vergeben, braucht es engmaschig persönliche Rückmeldungen der Lehrkräfte an die Kinder über Lernfortschritt, Motivation und Zusammenarbeit.

Kinder müssen wahrnehmen, dass sie gesehen und gehört werden.

Das steigert nicht nur ihr Wohlbefinden, sondern auch ihre Bereitschaft zu lernen und sich zu beteiligen.

Schule und Lehrkräfte profitieren im gleichen Zuge vom Feedback der Schulkinder und der Eltern.

In der Schule der Zukunft gilt Motivation als die wichtigste Ressource für nachhaltiges Lernen.

Sie entsteht situativ – wenn Kinder aktiviert werden und erleben, dass sie etwas gut können und es sich lohnt, sich dafür anzustrengen – oder dafür zu lernen.

Erfolgserlebnisse werden so zu einem Schlüssel zur Neugier, die in jedem Kind angelegt ist.

Sie stärken das Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Genauso muss die Schule der Zukunft die wichtige Fähigkeit vermitteln, mit Misserfolgen umzugehen. Denn Kinder und Jugendliche brauchen Strategien, um sich selbst zu motivieren und in schwierigen Phasen durchzuhalten.

Die Faustregel nach Ulrich Trautwein, Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen, lautet: nicht das Lernen überflüssig machen, sondern es den Kindern leichter machen, sich anzustrengen.

Die Lehrkräfte der Zukunft sind Lernbegleiterinnen und -begleiter, die sowohl Hilfebedarfe und Potenziale als auch besondere Talente erkennen und entsprechende Fördermaßnahmen einleiten.

Diese Veränderung des Unterrichts verlangt neue Kompetenzen von Lehrkräften:

Sie müssen Lernprozesse gestalten, Orientierung geben und Freiräume schaffen.

Ihr Unterricht muss Spitzenleistungen ermöglichen und zugleich Vielfalt in der Breite fördern.

Laut Sliwka erwachsen Lehrerinnen und Lehrer zu „Architektinnen und Architekten von Lernumgebungen“.

Dafür braucht es eine starke Lehrkräftebildung – auf Studium und Vorbereitungsdienst muss eine Weiterbildungsphase folgen, wie es Ilka Parchmann fordert, in der junge Lehrkräfte von Teams aus Praxis und Hochschule begleitet werden.

Und dafür braucht es genauso Unterstützung in der Praxis:

Ideen und Materialien für den Unterricht der Zukunft werden von Bildungsforschenden und Lehrkräften gemeinsam entwickelt – innerhalb der spezifischen Fächer und darüber hinaus. Das ermöglicht guten Unterricht und entlastet im Schulalltag.

Der Lehrberuf bleibt damit anspruchsvoll. Aber auch lohnend:

Denn unsere Lehrerinnen und Lehrer sind auch in der Zukunft enge Bezugspersonen und Vorbilder für ihre Schülerinnen und Schüler.

Sie vermitteln Grundwerte, erklären Zusammenhänge des sozialen Miteinanders und sind damit eine wichtige Gestaltungskraft für die Demokratie.

Arbeiten in multiprofessionellen Teams hilft dabei, Schule als gemeinsamen Lern- und Lebensort weiterzuentwickeln, in dem Förderung, Betreuung und Teilhabe enger ineinandergreifen.

Das ist auch die Idee der Ganztagsgrundschule.

Ab August 2026 wird das Recht auf Ganztagsbildung und -betreuung auch in Schleswig-Holstein umgesetzt – zunächst für Grundschulkinder, perspektivisch darüber hinaus.

Darin erleben Kinder Lernsituationen, in denen sich Phasen der Konzentration, Kreativität, Bewegung und Freizeit abwechseln – dadurch bietet jeder Moment Potenzial für Entwicklung.

Multiprofessionelle Teams bringen Fachwissen aus verschiedenen Bereichen zusammen, etwa aus Lehramt, Sonderpädagogik oder Schulsozialarbeit.

Dadurch können sie auf unterschiedliche soziale, emotionale und kognitive Bedürfnisse reagieren und Lern-, Verhaltens- und Unterstützungsbedarfe aus mehreren Blickwinkeln betrachten.

Das ist wichtig, denn die Schule der Zukunft ist auch eine Schule der Chancengerechtigkeit:

Alle Kinder sollen die grundlegenden Fähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen sicher erreichen und die Zukunftskompetenzen ausbilden – unabhängig vom Elternhaus. Herkunft oder sozialer Hintergrund, Muttersprache oder besondere Unterstützungsbedarfe dürfen keine Barrieren darstellen.

Lernen braucht deshalb weiterhin individuelle Förderung:

Neben der diagnosebasierten Förderung, bei der erst einmal Lernpotenziale oder Förderbedarfe erkannt werden und anschließend gezielt unterstützt wird, gibt es zukünftig die förderbasierte Diagnostik.

Hier erfolgt die Förderung eines Kindes zunächst „auf Verdacht“, um auf diese Weise Stärken, aber auch Schwierigkeiten zu ermitteln.

Das trägt dazu bei, dem Anspruch von Inklusion gerecht zu werden und die Vielfalt der individuellen Lernprozesse aller jungen Menschen wertzuschätzen.

Gerade hier kann die Digitalisierung künftig helfen:

Immer bessere adaptive Lernprogramme, individuelle Lernpfade und digitale Lernplattformen werden es ermöglichen, Schülerinnen und Schüler noch gezielter in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Aber: Digitalisierte Unterrichtsinhalte müssen pädagogisch sinnvoll eingebettet werden. Technik ersetzt keinen Austausch und schon gar keine menschliche Beziehung.

Die Digitalisierung beeinflusst unser Leben bereits in vielen Alltagsbereichen.

Wir müssen unsere Kinder und Jugendlichen anleiten, digitale Medien und Tools souverän zu nutzen.

Denn in einer komplexen digitalen Wirklichkeit sollen sie nicht nur Nutzerinnen und Nutzer sein, sondern auch informierte Gestaltende.

Die Schule der Zukunft verfügt deshalb über eine sichere und leistungsfähige Infrastruktur, die relevante Technik bereitstellt sowie den Schutz sensibler Daten gewährleistet.

Meine Damen und Herren,

am Ende geht es um mehr als um Schule und Unterricht. Es geht darum, welche Gesellschaft wir sein werden.

Wenn die Schule der Zukunft junge Menschen befähigt, Verantwortung zu übernehmen und aktiv mitzugestalten, dann stärkt sie zugleich das Demokratiebewusstsein und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Wir müssen dieses Potenzial erkennen und nutzen.

Die Schule der Zukunft ist ein Ort sein, der gemeinsames Lernen mit Wertschätzung, Motivation und Selbstwirksamkeit verbindet.

Hier wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern Selbstvertrauen gefördert, Empathie und Gemeinschaftssinn geschult.

Hier werden Wege in die Welt eröffnet.

Aber klar ist auch: Die Transformation zur Schule der Zukunft geht über Einzelreformen hinaus.

Sie braucht ein einheitliches Zielbild und langfristige Strategien – auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Alle Beteiligten müssen zusammenwirken.

Und: Schulen brauchen Zeit für Innovation und Ressourcen für die Weiterentwicklung.

Wir müssen das Ganze als einen zukunftsgerichteten Prozess verstehen, der durch viele Akteure und künftige Herausforderungen, die wir heute nur begrenzt absehen können, selbst einer ständigen Veränderung unterworfen ist.

Wo sich indes Strukturen und Praktiken bewährt haben, geht es nicht um Neuerfindung, sondern um konsequente Qualitätsverbesserung – um Evolution.

An manch anderer Stelle müssen wir mutig sein und den Neuanfang wagen – im Sinne einer Revolution.

Wir wissen heute viel darüber, was guten Unterricht, wirksame Förderung und erfolgreiche Schulentwicklung ausmacht.

Unsere Herausforderung ist die Umsetzung in die Praxis – dafür müssen wir jetzt verlässliche Rahmenbedingungen schaffen.

Meine Damen und Herren,

viele Schülerinnen und Schüler, die dieses Jahr auf der weiterführenden Schule eingeschult wurden, werden im Jahr 2035 ihr Abitur ablegen.

  • Wie sieht der Unterricht in dieser gar nicht so fernen Zukunft aus?

  • Welche Technologien kommen zum Einsatz?

  • Wie gehen wir damit um?

Sich diesen Fragen heute zu stellen und gemeinsam mit Schule, Wissenschaft, Politik und Verwaltung auf die Suche nach konstruktiven und klugen Antworten zu gehen, ist richtig.

Die Schule der Zukunft können nur wir selbst gestalten.

Wir müssen sie jetzt denken, konzipieren, vorbereiten und auf den Weg bringen – im laufenden Betrieb.

Gehen wir diesen Weg gemeinsam, dann wird das Zielbild der Schule digitaler, technischer und moderner sein – und zugleich menschlicher, gerechter und stärker an den (künftigen) Bedürfnissen junger Menschen orientiert.

Vielen Dank.

Dr. Dorit Stenke
Ministerin für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein

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