in Leben und Sterben am Duvensee vor 10.500 Jahren
Letzte Aktualisierung: 10.03.2026
Im Duvenseer Moor in Schleswig-Holstein erforscht das Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) in enger Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein und dem Museum für Archäologie Schloss Gottorf bedeutende Fundstellen aus der frühen Mittelsteinzeit. Herausragend sind eine rund 10.500 Jahre alte Brandbestattung – die bislang älteste in Norddeutschland – sowie ein 2025 dort entdeckter, ursprünglich auf einen Holzpfosten aufgespießter Auerochsenschädel. Computertomographische Untersuchungen bestätigten nun dessen außergewöhnliche Befundsituation. Sie liefert einzigartige Hinweise auf komplexe, möglicherweise animistisch-totemistische Bestattungsrituale zu Beginn unserer heutigen Warmzeit.
Die archäologischen Untersuchungen von Wohnplätzen mittelsteinzeitlicher Jäger- und Sammlerkulturen im Duvenseer Moor, Kreis Herzogtum Lauenburg, haben in den letzten Jahren immer wieder überraschende Neufunde erbracht, die unsere Kenntnis über die Lebensweise dieser Menschen erheblich erweitert haben. Die Fundstelle „Lüchow LA 11“ am Südwestufer des alten Duvensees nimmt dabei eine besondere Stellung ein. „Das Duvenseer Moor ist über Jahrtausende gewachsen – und zugleich ein Kulturraum, der stark vom Menschen geprägt wurde. Schon in der Vergangenheit haben Entwässerungsmaßnahmen wie Gräben und Torfabbau den Wasserhaushalt verändert. Diese Eingriffe zeigen uns heute eindrücklich, wie eng menschliche Nutzung und natürliche Prozesse in Feuchtbodenlandschaften verbunden sind“, sagt Christoph Unglaub, Dezernent des ALSH.
Die älteste Brandbestattung Norddeutschlands
Ein Höhepunkt der bisherigen Forschungen war die Entdeckung und Freilegung einer etwa 10.500 Jahre alten menschlichen Brandbestattung in den Jahren 2022/2023. Es handelt sich um die bislang älteste Bestattung in Norddeutschland. Aus dem Zeitraum zu Beginn unserer heutigen Warmzeit sind bislang lediglich zwei weitere Bestattungen bekannt – eine aus den Niederlanden und eine aus dem jütischen Dänemark. Auch hierbei handelt es sich um Brandgräber, die jedoch deutlich schlechter erhalten sind. In „Lüchow LA 11“ sind unter dem später aufgewachsenen Moorboden noch größere Teile der ehemaligen Oberfläche erhalten geblieben. Dadurch ist eine außergewöhnlich präzise Untersuchung des unmittelbaren Bestattungsumfeldes möglich.
Der Auerochsenschädel-Fund von 2025
Im Sommer 2025 wurden weitere Flächen der Fundstelle geöffnet. Ein allein aufgrund seiner Größe auffälliger Fund war der Schädel eines Auerochsen im Flachwasserbereich vor der am Ufer gelegenen Brandbestattung.
„Zunächst erschien dies nicht ungewöhnlich, da Auerochsen als Jagdbeute in dieser Zeit bereits häufiger nachgewiesen wurden“, berichtet Dr. Harald Lübke vom LEIZA, Standort Schleswig, Leiter des Projekts „Frühmesolithikum im Duvenseer Moor“. „Auf der etwas älteren rheinländischen Fundstelle Bedburg-Könighoven wurden beispielsweise Schädelteile von insgesamt fünf dieser Tiere in der Uferzone freigelegt. Doch dort handelte es sich offenbar um Schlachtabfälle, da die Schädel stark zerschlagen waren, bevor sie im Flachwasserbereich entsorgt wurden“, erläutert Lübke.
In „Lüchow LA 11“ jedoch lag ein vollständiger Schädel ohne Zerlegungsspuren vor. Aufgrund seines fragilen Zustandes wurde er im Sedimentblock geborgen und zur weiteren Freilegung und Rekonstruktion in die Werkstatt des Museums für Archäologie auf Schloss Gottorf verbracht.
Computertomographie bringt verborgene Details ans Licht
Beim Abheben großer Bruchstücke des Stirnbeins des Auerochsen zeigte sich im Inneren des Schädels überraschend der Rest eines Pfostens aus Kiefernholz.
Die weitere Freilegung wurde unterbrochen, um durch die Fraunhofer-Einrichtung für Individualisierte Medizintechnik (IMTE) in Lübeck eine Computertomographie durchführen zu lassen. Als eine der führenden Forschungseinrichtungen in diesem Bereich hat das IMTE bereits zuvor mit den beteiligten Institutionen in Schleswig erfolgreich bei der Untersuchung komplexer archäologischer Fundstücke aus Schleswig-Holstein unterstützt. Die Analyse des Schädels erfolgte bei deren Kooperationspartner Comet YXLON in Hamburg in einer für Größe und Gewicht der Blockbergung geeigneten leistungsstarken Anlage. In der CT-Aufnahme ist der zuvor nicht erkennbare Pfostenstumpf deutlich zu sehen. „Offenbar wurde der Schädel durch das große Hinterhauptloch auf einen Pfosten gesteckt, der später an dieser Stelle abbrach. Diese Erkenntnisse sind für die weitere Freilegung und Restaurierung von grundlegender Bedeutung“, betont Lübke.
Rekonstruktion des Fundplatzes „Lüchow LA 11“
Bereits 2022 war im Flachwasserbereich vor der Brandbestattung ein kräftiger Pfosten aus Pappelholz entdeckt worden, der offensichtlich mit erheblichem Kraftaufwand schräg etwa einen Meter tief in das Sediment, in diesem Fall Sandmudden, eingetrieben worden war. Die Vermutung, er habe zu einer größeren Holzkonstruktion gehört, konnte nicht bestätigt werden, da im Umfeld keine weiteren Pfosten dieser Art nachgewiesen wurden.
„Es liegt daher nahe anzunehmen, dass auch der Auerochsenschädel auf einem solchen Pfosten im Flachwasser vor der Brandbestattung des verstorbenen Jägers aufgespießt war. Aufgrund der unterschiedlichen Holzarten kann es sich jedoch nicht um den bereits entdeckten Pfosten gehandelt haben“, erklärt Lübke. Folge man dieser Hypothese, müssten sich in den bislang nicht ausgegrabenen Bereichen der Fundstelle mindestens ein weiterer Pfosten aus Kiefernholz sowie ein weiterer Schädel befinden. Dies gelte es in den kommenden Jahren nachzuweisen.
Hinweise auf komplexe Glaubensvorstellungen
„Wir wissen heute, dass die damaligen Jäger und Sammler ihre verstorbenen Klanmitglieder verbrannt und den Leichenbrand zusammen mit den darüber aufgehäufelten Resten des Scheiterhaufens beigesetzt haben, sodass die Bestattung noch längere Zeit offen sichtbar gewesen sein muss. Zusätzlich war die Bestattung offenbar mit auf Holzpfosten aufgespießten Tierschädeln umstellt, wahrscheinlich um den Bestatteten durch ein animistisch-totemistisches Bestattungsritual zusätzlichen Schutz zu gewähren“, so Lübke.
Dies sind Totenriten, die auf dem Glauben basieren, dass alle Dinge – Lebewesen, Pflanzen, unbelebte Objekte und Naturerscheinungen – beseelt sind (Animismus) und dass eine direkte, spirituelle Verwandtschaft zwischen einer Menschengruppe und bestimmten Tieren, Pflanzen oder Naturphänomenen besteht (Totemismus).
Ähnliche Rituale sind aus jüngerer Vergangenheit von Jäger-Sammler-Kulturen sowohl der Alten als auch der Neuen Welt bekannt. Dort wurden Verstorbene offen sichtbar auf Plattformen in Wäldern auf Bäumen oder in der Steppe auf Pfostengestellen platziert. Solche Orte galten als heilig, und es war offenbar ein allgemein akzeptiertes Tabu, die Totenruhe zu stören, bis die Bestattung durch natürliche Verwitterungsprozesse vergangen war.
„Auch wenn die Beweisführung zunächst noch aussteht: Die bisher von uns freigelegten Funde weisen auf ähnliche ethnisch-religiöse Glaubensvorstellungen hin, wobei der 2025 gefundene ursprünglich aufgespießte Auerochsenschädel totemistische Komponenten vermuten lässt“, sagt Lübke und fasst zusammen: „In jedem Fall liefert Lüchow LA 11 einzigartige Erkenntnisse zum Leben und Sterben der Jäger- und Sammlerkulturen im nördlichen Europa vor etwa 10.500 bis 11.000 Jahren, und der Auerochsenschädel unterstreicht die außergewöhnliche Bedeutung dieses Fundplatzes umso mehr.“
Seit 2023 werden die Ausgrabungen aufgrund der hervorragenden Erhaltungsbedingungen als Lehrgrabungen durchgeführt. Fachstudierende vornehmlich der Universitäten Kiel, Rostock und der Freien Universität Berlin werden dabei gezielt in die Methodik und Technik von Feuchtbodenausgrabungen eingeführt. Im kommenden Sommer gehen die Ausgrabungen auf dem Grundstück des Landwirts Paul Petersen weiter – in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein sowie dem Museum für Archäologie Schloss Gottorf. Ziel der Untersuchungen ist es, weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Doch die Zeit drängt. „Durch die zunehmende Austrocknung unserer Feuchtbodenlandschaften sind diese Fundstellen durch die Vererdung der Torfböden stark gefährdet“, sagt Lübke. „Auch deshalb ist Eile bei der Erforschung des noch vorhandenen Kulturerbes geboten.“ Ingo Lütjens, stellvertretender Leiter des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein, sieht ebenfalls die Dringlichkeit: „Feuchtbodenstandorte wie das Duvenseer Moor sind einzigartige Archive der Vergangenheit. Dort erhalten sich Holz, Pflanzenreste und andere organische Funde über Jahrtausende. Sinkt der Wasserstand durch frühere Entwässerung oder aktuelle Trockenperioden, droht diese Kostbarkeit unwiederbringlich zu zerfallen – ein Alarmzeichen für die Kulturlandschaft und für die Auswirkungen klimatischer Veränderungen zugleich.“
An den aktuellen Forschungen sind derzeit beteiligt:
Archäologie und Projektleitung „Frühmesolithikum im Duvenseer Moor“
Dr. Harald Lübke
LEIZA Standort Schleswig, Kompetenzbereich 1 Pleistozäne und Frühholozäne Archäologie
Archäozoologie
Dipl.-Prähist.Natascha Alexandra Kipke
LEIZA Standort Schleswig, Kompetenzbereich 1 Pleistozäne und Frühholozäne Archäologie
Paläodendrologie
Dipl.-Prähist. Pia-Marleen Timm
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Institut für Ur- und Frühgeschichte
Osteoarchäologie
Dr. des. Ute Brinker
Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Landesarchäologie
Paläogenetik
Prof. Dr. Ben Krause-Kyora
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Institut für Klinische Molekularbiologie
Isotopenforschung
Dr. John Meadows
LEIZA Standort Schleswig, Kompetenzbereich 1 Pleistozäne und Frühholozäne Archäologie
Archäologische Feldarbeiten (Lehrgrabungen)
Dr. Marcel Bradtmöller
Universität Rostock, Heinrich Schliemann-Institut für Altertumswissenschaften
Prof. Dr. Henny Piezonka
Freie Universität Berlin, Institut für Prähistorische Archäologie
Archäologische Fachaufsicht
Dr. Ulf Ickerodt
Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein
Dr. Ingo Lütjens
Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein
Christoph Unglaub M.A.
Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein
Archäologisches Fundarchiv und Konservierung
Dr. Mara-Julia Weber
Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Museum für Archäologie
Dipl.-Rest. Corinna Mayer
Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Museum für Archäologie
Computertomographie (CT)
David Melenberg M.Sc.
Fraunhofer-Einrichtung für Individualisierte Medizintechnik (IMTE), Produktgruppe Röntgenbildgebung
Nils Achilles
Comet Yxlon GmbH, Senior Global Technical Sales Manager
Marten Baum
Comet Yxlon GmbH, Global Application Automotive
Weitere Informationen zur bisherigen Forschung im Duvenseer Moor:
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