Was ist Vibrio vulnificus?
Vibrio vulnificus ist ein Bakterium, das natürlicherweise in Meer- und Brackwasser – also Meeres- und Übergangsgewässer – vorkommt. Es ist salzliebend, bevorzugt aber nicht zu salzhaltige Gewässer wie beispielsweise die Ostsee. Bei länger anhaltenden kalten Wassertemperaturen, wie sie im Winter vorliegen, liegt es in einem inaktiven Zustand vor und lässt sich im Wasser nicht nachweisen. Steigen im Sommer die Wassertemperaturen über ca. 20° C an, wird Vibrio vulnificus aktiviert. Es lässt sich im Wasser nachweisen und seine Konzentration im Meerwasser kann sich deutlich erhöhen. Ist das Bakterium einmal durch erhöhte Wassertemperaturen aktiviert, kann es seine Aktivität auch bei sinkenden Wassertemperaturen für mehrere Wochen aufrechterhalten.
Vibrio vulnificus und andere Vibrionen in Nord- und Ostsee
link Infoblatt
Vibrio vulnificus - Bakterieller Wund- und Sepsiserreger in Meerestieren und salzhaltigem Badewasser
Kann der Erreger auf den Menschen übertragen werden?
Ja, es sind zwei mögliche Übertragungs- bzw. Infektionswege vorhanden:
Zum einen kann eine Übertragung durch eine Wundinfektion erfolgen. Diese kann sowohl durch oberflächliche, kleine als auch durch tiefe Hautverletzungen erfolgen. Über eine vorhandene Wunde können die Bakterien beim Baden oder Wasserwaten in Meerwasser in den Körper ein-dringen und sich dort vermehren.
Der zweite mögliche Übertragungsweg ist der durch den Verzehr roher oder unzureichend gegarter Meerestiere wie Austern, Muscheln, Krabben und Fische. Daher werden die für den Verzehr vorgesehenen Meerestiere aus Nord-und Ostsee entsprechend kontrolliert. Hierbei gilt, dass Meerestiere zur Vermeidung von Lebensmittelinfektionen generell nicht roh verzehrt werden sollten und auf gutes Durchgaren zu achten ist. Diese Lebensmittelinfektionen spielen in Regionen wärmerer Klimazonen eine bedeutende Rolle.
Welche Personen sind betroffen?
Besonders ältere Menschen mit einer schwachen Immunabwehr oder Personen, die aufgrund von Vorerkrankungen in ihrer Immunabwehr geschwächt sind, können gefährdet sein. Dazu zählen vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Lebererkrankungen, Diabetes mellitus, Alkoholabhängigkeit und sonstigen, die Immunabwehr schwächenden oder unterdrückenden Erkrankungen.
Wie häufig erfolgt eine Infektion?
Infektionen mit Vibrio vulnificus sind selten, kommen aber weltweit vor. Die häufigsten Berichte kommen aus den USA (Ostküste), Japan und Taiwan. In Deutschland sind seit 1993 wiederholt Einzelfälle von Wundinfektionen nach Kontakt mit Ostseewasser bekannt geworden. Im Verhältnis zur Anzahl der Badegäste an der Ostseeküste kommt eine Infektion sehr selten vor.
Welche Erkrankungen können durch Vibrio vulnificus ausgelöst werden?
Die sehr seltene Infektion von Wunden hat nach den bisherigen Erfahrungen in mehr als der Hälfte aller Fälle einen sehr ernsthaften Verlauf mit tiefgreifenden Haut- und Gewebezerstörungen zur Folge. Dies kann wiederum zu einer schweren Blutvergiftung (Sepsis) führen. Eine Blutvergiftung kann schnell lebensgefährlich werden, eine rasche Therapie ist deshalb sehr wichtig.
Durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel können Magen-Darm-Beschwerden mit Übelkeit, Durchfall und Krämpfen hervorgerufen oder auch eine schwere Blutvergiftung (Sepsis) ausgelöst werden.
Wie kann man einer Infektion vorbeugen?
Personen mit offenen oder schlecht heilenden Wunden sollten diese nicht dem Kontakt mit warmem Meerwasser aussetzen, insbesondere dann nicht, wenn sie an den genannten Vorerkrankungen leiden oder ein geschwächtes Immunsystem besitzen.
Was sollte bei einem Infektionsverdacht getan werden?
In warmen Sommermonaten muss bei einem verdächtigen Krankheitsbild, insbesondere bei Wundinfektionen nach Kontakt mit warmem Meerwasser, an die Möglichkeit einer Vibrio vulnificus-Infektion gedacht werden. Im Verdachtsfall sollte sofort ein Arzt konsultiert werden, da bei begründetem Verdacht wegen des raschen und schweren Krankheitsverlaufes eine frühestmögliche Behandlung zum Beispiel mit Antibiotika erfolgen sollte. Die Ärzteschaft in Schleswig-Holstein ist durch die hiesige Ärztekammer über Bedeutung, Diagnose und Therapie von Vibrio vulnificus-Infektionen informiert. Bestätigt sich der Verdacht, sollte dies der behandelnde Arzt entsprechend § 6 Absatz 1 Nr. 5a als „bedrohliche Krankheit“ nach IfSG an das jeweils zuständige Gesundheitsamt melden. Vom zuständigen Gesundheitsamt können dann Ermittlungen zur Quellensuche erfolgen und gegebenenfalls die Einleitung von Schutzmaßnahmen veranlasst werden.
Werden die Badegewässer auf Vibrio Vulnificus untersucht?
Das Bakterium kommt – unabhängig von möglichen Nachweisen – natürlicherweise in Meer- und Brackwasser vor. Eine regelmäßige Beprobung findet nicht statt. Um die Situation in Schleswig-Holsteins Küstengewässern besser abschätzen zu können, auch unter Berücksichtigung des Klimawandels, werden vom Gesundheitsministerium wiederholt entsprechende Untersuchungsprojekte des Medizinaluntersuchungsamts, jetzt Institut für Krankenhaus- und Umwelthygiene, am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein gefördert:
Im Jahr 2011 in Schleswig-Holstein hat es ein erstes landesweites Untersuchungsprogramm zum Vorkommen von Vibrio vulnificus mit mehr als 800 Proben gegeben. Dabei konnte das Bakterium in 99,8 % der Proben nicht festgestellt werden. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass während des eher kühlen Sommers 2011 die Wassertemperaturen während des Untersuchungszeitraumes nur selten über 20 °C lagen.
Im Rahmen einer Pilot-Untersuchung in der Ostsee im Bereich der Travemündung wurde im Jahr 2012 in einem ausgewählten Untersuchungsgebiet) das Vorkommen Vibrio vulnificus mit verbesserten Methoden untersucht. Dabei konnte das Bakterium in 12,2 % der Proben nachgewiesen werden.
Der Pilot-Untersuchung schloss sich 2013 ein Monitoringprogramm an. Darin wurden Wasserproben aus der amtlichen Badegewässerüberwachung von Nord- und Ostsee auf das Vorkommen von pathogenen Vibrionen untersucht. Dabei wurde in 28 % der Ostseeproben und 4 % der Nordseeproben Vibrio vulnificus nachgewiesen.
2014 wurde im Rahmen einer vertiefenden Studie Badestellen in ausgewählten Kur- und Erholungsorten an Nord- und Ostsee auf das Vorkommen von Vibrio vulnificus untersucht. An diesen Badestellen sind vermehrt Erholungssuchende mit Vorerkrankungen oder einer bestehenden Immunschwäche zu erwarten, die neben dem eigentlichen Baden beim Strandspaziergang gerne im Wasser waten. Besonders wurde im Rahmen dieser Studie der Frage nachgegangen, ob die Belastung des Wassers mit Vibrio vulnificus im Flachwasserbereich von der im tieferen Wasser, wo die amtlichen Badegewässerproben gezogen werden, abweicht. Die Ergebnisse zeigen, dass in der Ostsee und insbesondere an einigen Küstenabschnitten mehr humanpathogene Vibrionen nachgewiesen wurden als in der Nordsee, und dass die Konzentrationen im Flachwasserbereich teilweise deutlich höher waren als im tieferen Wasser.
2015 wurde die Untersuchung in zwei Küstengewässern, in denen 2013 und 2014 erhöhte Konzentrationen an Vibrionen festgestellt wurden, vertieft, nämlich in der Kieler Förde und in der Schlei. In jedem Untersuchungsgebiet wurden an jeweils 8 Badestellen zwischen Juli und September wöchentlich im Flachwasserbereich Wasserproben auf Vibrionen untersucht.
Als Ergebnis kann man festhalten, dass in der Schlei Vibrionen häufiger und in höheren Konzentrationen auftraten als in der Kieler Förde. Dabei verschob sich das Artenspektrum innerhalb der Schlei. In der Außenschlei wurde vor allem Vibrio parahaemolyticus nachgewiesen, im mittleren Teil der Schlei gab es vermehrt Befunde von Vibrio vulnificus, während man in der Inneren Schlei schwerpunktmäßig Vibrio cholerae nachweisen konnte. Die Verteilung der Arten ist demnach von der Leitfähigkeit (und damit vom Salzgehalt) des Wasser abhängig. Dagegen wurde in der Kieler Förde fast ausschließlich Vibrio parahaemolyticus nachgewiesen, nur vereinzelt auch Vibrio vulnificus und Vibrio cholerae.
2016 schloss sich an dieses Projekt die Untersuchung "Vorkommen von potentiell humanpathogenen Vibrionen in Badegewässern in Abhängigkeit der Leitfähigkeit des Wassers" an. Hierfür wurden die Flussmündungen Eider und Trave an Nord- und Ostsee untersucht. Die Probenahme und Methodik erfolgte wie im Jahr zuvor. In der Trave kamen Vibrionen (vor allem Vibrio parahaemolyticus und Vibrio cholerae) insgesamt etwas häufiger vor als in der Eider, die Werte lagen aber bis auf wenige Ausnahmen im niedrigen Bereich und deutlich niedriger als beispielsweise in der Schlei. In der Eider fand man ein gleichmäßiges Vorkommen aller drei Arten, die Konzentrationen sind gering.
Fazit aus den Studien:
- Die untersuchten humanpathogenen Vibrionen Vibrio vulnificus, Vibrio cholerae und Vibrio parahaemolyticus kommen natürlicherweise in Oberflächengewässern und damit auch in Badegewässern vor.
- Die untersuchten Vibrionen vermehren sich vor allem bei Temperaturen oberhalb 20 Grad Celsius, sind aber auch noch längere Zeit aktiv, wenn im Laufe des Sommers die Wassertemperatur wieder unter 20 Grad Celsius absinkt.
- Vibrionen lassen sich vor allem in der Ostsee, in der Schlei und in Flussmündungsgebieten (also im sogenannten Brackwasser) nachweisen, vor allem im erwärmten Wasser in Flachwasserbereichen.
- Die Konzentration und Verteilung der Arten ist darüber hinaus von der Leitfähigkeit (und damit vom Salzgehalt) des Wassers abhängig.
Wer sich informieren möchte, kann auf der Internetseite der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC die interaktive Karte, den „Vibrio Map Viewer“ anklicken.
In 2025 ist erneut ein Vibrionen-Projekt durch das MJG initiert und vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Institut für Krankenhaus- und Umwelthygiene, Medizinaluntersuchungsamt durchgeführt worden. Ziel war es, aktualisierte Kenntnisse über das Vorkommen von Vibrionen in Badegewässern Schleswig-Holsteins an der Ostseeküste und in der Schlei zu erhalten. Hierzu wurde an 36 Badegewässern, die geographisch gleichmäßig an der Ostseeküste verteilt waren (inklusive der Schlei, ohne Fehmarn), jeweils eine Probe im Juli und August genommen. Die Proben wurden auf die drei potentiell humanpathogenen Vibrionenarten V. parahaemolyticus, V. vulnificus und V. cholerae untersucht.
Die Ergebnisse liegen fast vollständig im Bereich von zu erwartenden bzw. leicht erhöhten Konzentrationen (1 bis 100 KBE/ml). In den insgesamt 72 Proben war in nur zwei Proben eine erhöhte Vibrionen-Konzentration (über 100 KBE/ml) festzustellen. Insgesamt sind die Konzentrationen der drei Arten vergleichbar und relativ gleichmäßig innerhalb der Untersuchungsregion verteilt. Eine direkte Abhängigkeit des Vorkommens einer Art von der Leitfähigkeit konnte wie erwartet bestätigt werden. Trotz vergleichsweise niedriger Wassertemperaturen sind die Vibrionenkonzentrationen insgesamt leicht höher als in 2014. Aufgrund des vergleichsweise kühlen Sommers 2025 lagen deutlich andere Umweltbedingungen als zu den früheren Untersuchungsjahren vor. Ein genereller Trend in Bezug auf einen Anstieg der Vibrionen-Konzentrationen durch höhere Meerestemperaturen als Folge des Klimawandels lässt sich daher zu diesem Zeitpunkt nicht daraus ableiten.
Zur Einordnung: Es ist nicht entscheidend, in welcher Konzentration Vibrionen vorkommen. Nach einer Aktivierung in Folge von höheren Temperaturen können Vibrionen auch bei einer niedrigen Konzentration eine Infektion auslösen. Dass Vibrionen in den Gewässern natürlicherweise vorkommen, ist seit Jahren bekannt. Daher gelten die Empfehlungen zur Minimierung von gesundheitlichen Risiken, insbeondere für Immungeschwächte Personen (siehe oben), grundsätzlich und unabhängig von der Konzentration. Das Ministerium weist regelmäßg darauf hin.
Kontakt
Kontakt