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Schleswig-Holstein -
Reichspogromnacht 1938

Staatskanzlei

Schleswig-Holstein -
Reichspogromnacht 1938

Am 9. November 1938 zündeten die Nationalsozialisten Synagogen an, zerstörten Geschäfte und nahmen Juden gefangen. Auch durch Schleswig-Holstein rollte eine Welle der Gewalt.

Die Stoßtrupps kamen mit Brechstangen, Äxten, Beilen und Spaten. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fielen Mitglieder vor allem der SA, aber auch von SS, Polizei und Gestapo in ganz Schleswig-Holstein über jüdische Gotteshäuser, Wohnungen und Geschäfte her. Sie verwüsteten Wohnungen, zertrümmerten Fensterscheiben und steckten Synagogen in Brand. Allein in Kiel wurden nach Recherchen des Instituts für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte (IZRG) in der Reichspogromnacht 58 jüdische Männer verhaftet, in Lübeck waren es bis zu 70 Festnahmen. Die meisten kamen ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin.

Wenig jüdische Mitbürger

Die archaisch wirkende Barbarei machte vor dem Norden nicht halt. Dabei war jüdisches Leben im agrarisch geprägten Schleswig-Holstein vergleichsweise unbedeutend. Gerade einmal rund 2.000 Juden lebten zu Beginn der NS-Zeit auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes. Die Judenfeindlichkeit war nach Ansicht des IZRG-Historikers Uwe Danker trotzdem ausgeprägt. "Es ist bekannt, dass Ressentiments besonders gut dort zu pflegen sind, wo es kaum Minderheiten gibt."

Inszenierte Gewaltorgie

"Was wie ein spontaner Ausbruch der Empörung gegen die jüdische Bevölkerung wirken sollte, war eine inszenierte Gewaltorgie", sagt der Forscher. Als Anlass diente den NS-Diktatoren ein Attentat auf einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris am 7. November. Nach einer Hetzrede von Propagandaminister Joseph Goebbels erreichte die Gewalt den Norden zwei Tage später.

SA in Zivil entfachte die Pogrome

Schleswig-Holsteins höchster SA-Führer und Polizeipräsident von Kiel, Joachim Meyer-Quade, instruierte seine Helfer per Telefon von München aus, wo die Nazi-Elite das jährliche Gedenken an den "Hitlerputsch" von 1923 feierte: "Ein Jude hat geschossen", heißt es im Gesprächsprotokoll der SA-Gruppe Nordmark. "Ein deutscher Diplomat ist tot. In Friedrichstadt, Kiel, Lübeck und anderswo stehen völlig überflüssige Versammlungshäuser. Auch Läden haben diese Leute noch. Beide sind überflüssig." Und er gab die Anweisung, dass die Aktion in Zivil durchgeführt werden muss. "Die SA sollte die Pogrome entfachen, aber nicht als Organisator in Erscheinung treten", erklärt Danker.

Geschäfte und Synagogen zerstört

Und so zogen sie los. In Lübeck zerstörten die vermeintlichen Zivilisten fast alle jüdischen Geschäfte in der Innenstadt. Lediglich der Schutz der benachbarten Häuser hielt die Randalierer davon ab, das Gotteshaus in Brand zu setzen. In Elmshorn und Kiel brannten hingegen die Synagogen. "Das Feuer war so stark, dass die Fensterscheiben geplatzt sind", schrieb eine Woche nach den Krawallen ein Augenzeuge in einem Brief. Gewaltausbrüche gab es auch in Friedrichstadt, Rendsburg, Schleswig, Flensburg, Kappeln, Brunsbüttelkoog, Bad Segeberg, Satrup sowie auf Sylt und Föhr.

Alte Bahngleise Alte Bahngleise (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster) © Wolfgang Dirscherl / pixelio.de

Bevölkerung schaute zu

"Die Bevölkerung schaute zumeist tatenlos zu oder weg", sagt Historiker Danker. Es habe in Lübeck und Kiel zwar einen völlig enthemmten Mob gegeben, in der Regel hätten die Menschen - anders als von den Nazis beabsichtigt - das Geschehen eher mit Abscheu verfolgt. "Es war paradox - die Bevölkerung hat zuvor die Nürnberger Rassegesetze geduldet. Das erschien ihr legitim. Die wilde Gewaltorgie aber nicht." Daraus zogen die Nazis nach Ansicht von Danker ihre Lehren. "Die späteren Deportationen, die Endlösung - das ging später seinen scheinbar legalen, geordneten Gang."

Offene Empörung wagten aber auch in der Pogromnacht nur wenige. Ein Anwohner in Elmshorn, der wegen der brennenden Synagoge die Feuerwehr alarmieren wollte, musste sich Drohungen anhören: "Hol din Schnut, suns kriegst wat mit dem Gummiknüppel." Der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Kiel, Gustav Lask, der von SS-Leuten durch Schüsse schwer verletzt wurde, berichtete später von der Verhaftung eines Bekannten, der sich positiv über ihn geäußert hatte.

Der 9. November: Ein Tag der Mahnung

Die meisten der schleswig-holsteinischen Juden wurden in der NS-Zeit verschleppt, etwa die Hälfte starb in Konzentrationslagern. Heute leben wieder rund 2.000 Menschen jüdischen Glaubens in Schleswig-Holstein. Die meisten stammen aus Osteuropa. "Wir werden mit zahlreichen Veranstaltungen an die Ereignisse vor 70 Jahren erinnern", sagte der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden, Walter Blender zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht 2008. "Für uns ist der 9. November ein wichtiger Tag - als Mahnung vor neuem Antisemitismus."

(Quelle: u.a. dpa)

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