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Ministerium für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren

Portraitfoto Dr. Heiner Garg
Dr. Heiner Garg

Minister für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren

© vectorfusionart / fotolia.de

Zeugnis von Leid und Unrecht

Datum 22.04.2021

Zwischen 1949 und 1975 wurden in zahlreichen medizinischen Einrichtungen neue Medikamente an Patient:innen erprobt – ohne deren Einverständnis. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die nun im Sozialausschuss vorgestellt worden ist.

"Die Forschungsergebnisse sind ein weiterer erschütternder Beleg für das große Leid und Unrecht, dass Betroffene erfahren haben", sagte Sozialminister Dr. Heiner Garg in Kiel. Zuvor hatte Professor Dr. Cornelius Borck vom Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck im Sozialausschuss des Landtags seine Studie zu Medikamentenversuchen in zwischen 1949 und 1975 vorgestellt.

Umfangreiche Forschungsarbeit

Der Studie zufolge seien in den Landeskrankenhäusern, den kirchlichen Einrichtungen in Rickling und Kropp sowie in der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Kiel und dem Städtischen Krankenhaus Lübeck-Ost/Medizinische Akademie Lübeck über Jahrzehnte Psychopharmaka an Patient:innen getestet worden, ohne dass diese dazu eingewilligt hatten oder über mögliche Folgen aufgeklärt wurden. Nachgewiesen hatten Borck und sein Team dies anhand umfangreicher Archivunterlagen und Publikationen. Ethische oder rechtliche Bedenken seien weder von Seite der Hersteller, des Klinikpersonals noch der Aufsichtsbehörden nachweisbar gewesen, heißt es in der Studie. In Kiel dankte Garg den beteiligten Wissenschaftler:innen für die "außergewöhnlich tiefgreifende und akribische Arbeit."

Unterstützung für Betroffene

Garg betonte, das Geschehene könne zwar nicht rückgängig gemacht werden, dennoch sollten alle Beteiligten und deren Nachfolger Verantwortung übernehmen und die Betroffenen unterstützen. Bund, Kirchen und Bundesländer hatten dafür 2017 die Stiftung "Anerkennung und Hilfe" gegründet, die Betroffene finanziell unterstützt. In Schleswig-Holstein wurden bislang rund 10,7 Millionen Euro an fast 1.000 Betroffene ausgezahlt – bis zu 14.000 Euro pro Person. Die Antragsfrist für die Entschädigungen läuft noch bis zum 30. Juni 2021. Zusätzlich stellt das Land einen Hilfsfonds über zusätzliche 6,2 Millionen Euro auf, um den Betroffenen auch über dieses Datum hinaus helfen zu können. Damit ist Schleswig-Holstein bundesweit Vorreiter.

Appell an Pharma-Hersteller

"Neben Verantwortungsträgern des Landes, der Ärzte- und Richterschaft, den Psychiatrien und Kirchen haben mit den vorliegenden Erkenntnissen auch die Pharmahersteller Verantwortung zu tragen", betonte Garg. Er habe deshalb den Abschlussbericht an vier nachweislich beteiligte Pharmahersteller gesendet und an sie appelliert, sich ihrer Verantwortung zu stellen und sich an der gemeinsamen Aufarbeitung zu beteiligen. 

Zeitzeugen berichteten von Unrecht

Bereits 2018 hatten Betroffene auf dem Symposium "Die Vergangenheit im Kopf -  die Zukunft in der Hand" eindrucksvoll von ihren Leid- und Unrechtserfahrungen berichtet – darunter auch körperliche, seelische und sexualisierte Gewalt sowie unfreiwillige Medikamentenversuche. Die Veranstaltung war gemeinsam von Betroffenen, dem Sozialausschuss des Landtags und dem Sozialministerium organisiert worden.

Weitere Informationen

Abschlussbericht der Studie "Wissenschaftliche Untersuchung der Praxis der Medikamentenversuche in schleswig-holsteinischen Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie in den Erwachsenen-, Kinder- und Jugendpsychiatrien in den Jahren 1949 bis 1975"

Link zur Stiftung Anerkennung und Hilfe

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