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Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur

Portraitfoto Karin Prien
Karin Prien

Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur

© M. Staudt/grafikfoto.de

Landtagsrede der Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein Karin Prien Landtag 51. Tagung TOP 18 und 33

Datum 23.09.2021

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrter Herr Präsident,

meine Damen und Herren,

 

Walter von der Vogelweide sprach vor 800 Jahre von der „juncfrouwe“, wenn er den adeligen Stand einer unverheirateten Frau betonen wollte. Ohne moderne Übersetzung würden wir ihn heute kaum noch verstehen. 

Und wer von uns erinnert sich noch an die Diskussion um „das Fräulein“, das vor 50 Jahren aus dem offiziellen Deutsch verbannt wurde. Käme heute ein Mensch ernsthaft auf die Idee, eine nicht verheiratete Frau als Fräulein zu adressieren? 

Unsere Sprache ist dynamisch und wandelt sich beständig. Wir müssen gar nicht dreißig oder drei Generationen zurück in die Zeit reisen, um das zu erkennen. Ein Blick in die alten Kinderbücher meiner Söhne zeigt mir: Unsere Gesellschaft ist achtsamer geworden und das spiegelt sich auch in unserer Sprache wider.

Diese Sprachentwicklung endet nie – zumindest lässt sich das bisher nicht erkennen. Sprache spiegelt dabei gesellschaftliche Entwicklung wider – und bringt diese Entwicklung hervor. Deshalb können und ja müssen wir – durchaus auch an den Schulen und Hochschulen – über Gendern und Diskriminierung durch Sprache und Linguistik debattieren. Ich finde es falsch, wenn diese Debatte auf die Frage der Nutzung von Sonderzeichen begrenzt wird. Die Frage einer geschlechtergerechten Sprache an Schulen, an Hochschulen und in staatlichen Institutionen ist viel breiter als eine auf die Sonderzeichen reduzierte Debatte.

Schülerinnen und Schülern aber müssen wir, bevor sie an diesen Punkt kommen, das Handwerkszeug für diese und jede andere gesellschaftliche Debatte mitgeben. Und dieses Handwerkszeug ist die sichere Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift.  Die Grundlage für einen sicheren Umgang mit Sprache ist die Lernbarkeit und die Lesbarkeit. Orthografie und Grammatik der deutschen Sprache zu erlernen ist für ein Kind Herausforderung genug. Sonderzeichen wie Sternchen und Unterstriche erschweren diesen Lernprozess unnötig. Zugleich sind Lehrkräfte an unseren Schulen in die gesellschaftlichen Debatten einbezogen und müssen einen Weg zwischen den vielfältigen Herausforderungen finden.

Deshalb war es notwendig und richtig, dass wir die Schulen noch einmal über die gültige Rechtslage informiert haben. Geschlechtergerechtes Schreiben an Schule muss sachlich korrekt, verständlich lesbar und vorlesbar sein. Diese und weitere Kriterien formuliert auch der Rat für deutsche Rechtschreibung – auf Basis seiner amtlichen Regeln wird seit 2006 an den schleswig-holsteinischen Schulen die Rechtschreibung gelehrt. Darauf erneut hinzuweisen und zugleich die Lehrkräfte zu ermutigen, sich den Debatten zu stellen und diese aktiv im schulischen Alltag zu führen, ist das Ziel des Erlasses.

Die Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift ist eine wichtige Voraussetzung um gesellschaftliche Diskurse mitzugestalten. Die Reflexion über die Sprachentwicklung und über gesellschaftliche Sprechweisen ermöglicht es den jungen Menschen eine eigene Position einzunehmen und diese auszugestalten – mitunter auch gegen Widerstände und durch das Brechen von Regeln oder das Verletzten gesellschaftlicher Konventionen. Nur mit dem Handwerkszeug, das ihnen die Schule mitgegeben hat, kann man Debatten führen, gestaltend in gesellschaftliche Prozesse eingreifen – und Regeln brechen.   

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. An den Hochschulen im Land ist die Situation in Sachen geschlechtersensible Sprache anders als an den Schulen. Das hat auch gute Gründe, ist doch die Sprache der Wissenschaft oft völlig anders. Alle, die an einer Hochschule waren, erinnern sich noch daran, dass diese Professorin oder jener Professor viel Wert darauf gelegt hat, Dinge genau so oder so zu formulieren, weil es Teil des Selbstverständnisses der eigenen Disziplin war. Und auch das haben viele von uns überwunden. Wir haben unsere persönlichen Konsequenzen daraus gezogen und sind unseren Weg gegangen. Es gehört zum Leben dazu, dass nicht alle von uns heute noch genau so schreiben und sprechen, wie es in der Schule oder an der Hochschule gefordert wurde.  

Unsere Hochschulen sind wie Labore. Sie waren immer ein Ursprungsort für große gesellschaftliche Veränderungen. Die deutsche Revolution von 1848/49 wurde von Studierenden – damals waren es tatsächlich noch Studenten – geprägt, die Bewegung der 1968er Jahre begann an der Freien Universität Berlin. Ich bin stolz auf die Freiheiten, die Hochschulen in unserem Land genießen. Ja, die Wissenschaftsfreiheit verlangt unserer Gesellschaft einiges ab. Aber sie gehört zu den größten Errungenschaften unserer Demokratie und ist Motor für gesellschaftliche und wirtschaftliche Innovationen. Deshalb müssen wir die Wissenschaftsfreiheit respektieren und schützen. Auch wenn sie die breite Gesellschaft mit manchen Debatten gelegentlich herausfordert und auch überfordert.

Unsere Studierenden sind von den Schulen gut darauf vorbereitet, diese Freiheit zu nutzen, zu lernen, sich zu entwickeln und Gesellschaft zu gestalten und zu verändern. Aber sie haben einen Anspruch darauf, dass sie rechtssicher wissen, was von ihnen verlangt werden kann und was nicht. Inwiefern die Nutzung von Gendersonderzeichen an Hochschulen Teil der Bewertung von Prüfungsleistungen sein kann, ist rechtlich nicht abschließend geklärt und muss geprüft werden.

Die Hochschulen müssen hier einen Weg finden, der rechtssicher ist. Solange dies nicht geklärt ist, erwarte ich von Hochschullehrenden, dass sie sensibel mit diesem Thema umgehen. Nach meiner persönlichen Überzeugung darf es keine Pflicht zu einer bestimmten Form der geschlechtersensiblen Sprache geben, die zu einem Punktabzug führt. Ich habe großes Vertrauen in unsere Professorinnen und Professoren, Dozentinnen und Dozenten, dass sie mit der kostbaren Wissenschaftsfreiheit verantwortungsvoll und achtsam umgehen – auch gegenüber den einzelnen Studierenden.

Und ich vertraue der jungen Generation, dass sie Sprachentwicklung vorantreiben wird und ihren Weg in eine achtsame, geschlechtergerechte Sprache und Gesellschaft finden wird. Verschaffen wir ihnen in Schule eine sichere Basis und einen offenen Raum für Diskurs."

Verantwortlich für diesen Pressetext: David Ermes | Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur | Brunswiker Str. 16-22, 24105 Kiel | Telefon 0431 988-2369 | Telefax 0431  988- 5903 | E-Mail: pressestelle@bimi.landsh.de  | Medien-Informationen der Landesregierung finden Sie aktuell und archiviert im Internet unter www.schleswig-holstein.de | Das Ministerium finden Sie im Internet unter www.schleswig-holstein.de 

 

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