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Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur

Portraitfoto Karin Prien
Karin Prien

Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur

© M. Staudt/grafikfoto.de

Perspektiven der Gedenkstättenpolitik und -arbeit in Schleswig-Holstein

17. September 2017, Bad Malente

Es gilt das gesprochene Wort.

"Wir sollten - über das ganze Land verbreitet - noch mehr Orte der konkreten, historischen Erinnerung haben."

Dieses Zitat stammt von Roman Herzog. 1999 hielt der frühere Bundespräsident eine richtungsweisende Rede: "Die Zukunft der Erinnerung." Es war ein Plädoyer für das zentrale Holocaust-Mahnmal in Berlin. Aber eben nicht nur. Gedenken kann nicht an EINEN Ort gebunden sein. Das hatte Roman Herzog im Blick. Es braucht viele Gedenk-Stätten. Auch in der Region. Genau darum ging es auch hier in Malente. Und um die Erinnerung in einer Zeit, in der manche die Vergangenheit wieder umdeuten wollen.


"Gedenkstätten und die Herausforderungen des Rechtspopulismus" - das ist ein hochaktuelles Thema. Dem ersten Eindruck nach haftet dem  Wort "Stätte" etwas Statisch-Erdenschweres an. Gerade in einer Zeit, in der die Modebegriffe des Digitalen Inflation haben. "Netz", "Cloud", "Schwarm" "Content". Wer damit heute nichts anfangen kann, ist selbst schon Geschichte.

Doch genau deshalb lohnt es sich, auf den Kontrast zu achten. "Stätte" bezeichnet einen "Standort"- also die Stelle, an der sich etwas befindet. Der Wortstamm begegnet uns auch in "Stadt" oder "Werkstatt".  Was für ein krasser Gegensatz zur Ortlosigkeit des "virtuellen Raums"! Oder können Sie sagen, über welche Server in welchem Land gerade Ihre Mails oder What’s App-Mitteilungen wandern? In welchen "Clouds" Ihre persönlichen Daten gespeichert sind?

Unsere Kinder wachsen aber in dieser ortlosen Vernetzung auf. Das Virtuelle ist ihre Umgebung. Immer mehr sind es Datenströme und die Algorithmen der Suchmaschinen, die unsere Wahrnehmung beeinflussen. Sie formen  unser Weltbild mit. Zwei Begriffe haben in jüngster Zeit Karriere gemacht, die uns die Risiken der Digitalisierung klar machen: "Filterblase" und "Fake News".  

Beides machen sich moderne Demagogen zunutze. Lügen und Verzerrungen verbreiten sich in sozialen Netzwerken oder über News-Apps viel schneller als sie widerlegt werden können. Und sie finden viel einfacher als früher gläubige "Follower". Muslimische Extremisten nutzen ganz gezielt das Netz, um neue Terror-Krieger zu rekrutieren. Nicht anders machen es die neuen Nazis. Das ist die Welt, in der sich unsere Kinder orientieren müssen. Deshalb ist es so wichtig, sie gegen Extremismus jeder Richtung immun zu machen. Roman Herzog nannte es die "Erziehung zu Gewissensbildung und Verantwortung" Das ist aktueller denn je. 

Welche Rolle aber spielt in diesem Zusammenhang noch die "Stätte" - nämlich als Ort, an dem Erinnerung, Geschehenes konkret ist? Wo auch leidvolle geschichtliche Erfahrung mit unseren Sinnen erfassbar wird? Ich behaupte: Eine zunehmend wichtige.

Ja, sie melden sich wieder vernehmbar zu Wort und nutzen den digitalen Echo-Raum für ihre Propaganda: Jene Kräfte, die das Gedenken an die Verbrechen der Nazizeit als Angriff auf die "nationale Ehre" begreifen. Die Erinnerungskultur als Schimpfwort verwenden.

Da ist zum Beispiel ein rechtspopulistischer Politiker, der unverhohlen die erinnerungspolitische "Wende um 180 Grad" fordert. Und in vollem Bewusstsein der historischen Vorbelastung des Begriffs von der "Bewegungspartei" schwadroniert. Die Deutschen seien "das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat", so Björn Höcke über das Holocaust-Mahnmal, das Roman Herzog so leidenschaftlich befürwortet hat. Was für ein furchtbarer Satz! Er verschiebt die "Schande" der Tat hin zu einer angeblichen "Schande" der Erinnerung. Und damit nicht genug: Diese Woche legte der AfD-Spitzenkandidat auf dem so genannten "Kyffhäuser-Treffen" in Thüringen nach. Alexander Gauland fordert - ganz in der rechten Tradition - einen "Schlussstrich" in der  Nazi-Debatte. Und das Recht, auf die "Leistungen deutscher Soldaten stolz zu sein"!

Solche Äußerungen demaskieren sich selbst. "Stolz" auf einen Vernichtungskrieg? Da kann man nur dagegen halten: Ein Recht auf "Vergessen" oder "Stolz" verbietet sich vor dem Monströsen der Nazi-Diktatur. Ich finde: Ein Recht auf "Erinnerung" und auf Scham - DAFÜR müssen deutsche demokratische Patrioten eintreten!  Aber so funktioniert Rechtspopulismus: Verdrängen, verzerren, verharmlosen, umdeuten. Sie alle kennen Dutzende Beispiele mehr.

Allerdings zeigt der Satz auch etwas anderes: Nämlich wie sehr sich Rechte und Populisten an der sperrigen Erinnerung abarbeiten! Nicht umsonst sind den Geschichtsverdrehern und Provokateuren "Erinnerungsorte" ein Dorn im Auge. Denn sie widersetzen sich der Umdeutung. Im Netz geht das viel einfacher.

Deshalb will ich das Tagungsthema einmal bewusst abwandeln: Gedenkstätten sind eben auch Herausforderungen FÜR den Rechtspopulismus. Und das sollten wir stärken!

Die Koalition hat sich klar zur Weiterentwicklung und Fortführung des Landesgedenkstättenkonzeptes bekannt. Die Landesregierung will die bestehenden Gedenkstätten zur Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten weiter unterstützen und fördern. Als Bildungsministerin liegt mir dabei EIN Aspekt besonders am Herzen:

Wir müssen die Verbindungen stärken zwischen unseren Erinnerungsorten und den Schulen. Brücken bauen. Denn wir sollten immer im Blick behalten: Es geht um die Kinder und Jugendlichen in unserem Land, die nicht mehr das Privileg haben werden, Augenzeugen zu begegnen. Ich habe im vergangenen Jahr die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem besucht. Ein Ort, der keinen Deutschen unberührt lassen kann.  Vor allem ein Gedanke hat mich danach beschäftigt: Wie schaffen wir es, junge Menschen zu erreichen? Wie "verlinken" wir klassische Erinnerungsarbeit mit den neuen Entwicklungen?

Grundlinien Gedenkstätten-Politik

Das führt mich zu den Grundlinien unserer Gedenkstätten-Politik:

Erstens: Bildungs- und Erinnerungsarbeit braucht solide Finanzierung. Dazu bekennt sich die Landesregierung ohne Wenn und Aber. Wir planen, die bisherige Förderung der Gedenkstättenarbeit erheblich aufzustocken. Von 300.000 Euro auf 375.000 ab 2018. Das ist ein Plus von immerhin 25 Prozent. Nennen Sie mir andere Haushaltstitel, die einen solchen Aufwuchs haben! 

Bereits geförderte Einrichtungen wie Ladelund, Husum-Schwesing und Kaltenkirchen wurden mit  Hilfe des Landes baulich modernisiert oder  erweitert. Dadurch entstehen auch erhöhte Instandhaltungskosten, die wir ausgleichen. Außerdem wurde die BGSH personell gestärkt. Und die bisher vor die Klammer gezogenen 10.000 Euro für die Förderung von Schülerfahrten sollen auf 15.000 Euro erhöht werden. Die neu geplanten Mittel für die geplante Grenzdokumentationsstätte Lübeck-Schlutup - sind davon unbenommen. Sie werden auch in der Rubrik Erinnerungskultur verortet sein, kommen aber oben drauf.

Zweitens: Wir wollen die praktische Bildungsarbeit an historischen Orten ausweiten und vertiefen, entsprechend auch zeitgemäß weiterentwickeln. Es drängt sich geradezu auf, die eng vernetzte Struktur von Gedenkstätten und Erinnerungsorten pädagogisch zu nutzen und zu stärken. Das läuft bereits gut über die Landesarbeitsgemeinschaft LAGSH und über den Newsletter der BGSH. Begrüßenswert ist auch, dass der Landesbeauftragte für politische Bildung seit Sommer dieses Jahres für den Vorstand der BGSH gewonnen werden konnte. Ein unterstützendes Element könnte sicherlich noch der geplante Gedenkstättenführer sein. Und zu dieser Strategie passt auch die angestrebte didaktische Landeskonzeption mit dem Modellprojekt in Kaltenkirchen: "Gedenkstätten als außerschulische Lernorte". Wir unterstützen diese Kooperationen und ermuntern die Schulen dazu. Im Ministerium wird bereits an einem entsprechenden Konzept im Rahmen des Programms "kulturelle Schule" gearbeitet. 

Ich nenne Ihnen ein Beispiel, wie ich mir das vorstelle: Ich durfte kürzlich die "Exodus"-Ausstellung im Jüdischen Museum Rendsburg eröffnen.  Die Dokumentation hat mich übrigens tief beeindruckt. Wir sollten solche Ausstellungen in den Unterricht einbinden und unbedingt aktiv dafür werben.  

Drittens: "Erziehung zu Gewissensbildung und Verantwortung" muss unsere allgemeine Richtschnur sein. Es gibt bereits tolle Vorbilder. Neben Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen, Lesungen, Konzerten, Tagungen und Zeitzeugen-Interviews findet in den Gedenkstätten auch konkrete Zielgruppenarbeit mit Jugendlichen statt. Ich denke da zum Beispiel an die Schülerinnen und Schüler des 12. Jahrgangs am Kaltenkirchener Gymnasium, die ihre Eindrücke der dortigen KZ-Gedenkstätte im Projekt "Schüler führen Schüler" an die Klassenstufe 9 weitergeben. 

Interessant finde ich auch den Ansatz, der im Gymnasium Kronshagen verfolgt wurde: Dort hat ein zehnter Jahrgang im Musikunterricht innerhalb von drei Monaten eine Tanzchoreographie zum Thema "Stumme Schreie – Gefühle im Holocaust" erarbeitet. In der Gedenkstätte Ahrensbök finden Sommerlager mit polnischen Schülerinnen und Schülern aus der Partnergemeinde Grzmiąca statt. Und nennen möchte ich auch das Kooperationsprojekt zwischen der Hebbelschule, dem Offenen Kanal und dem Flandernbunker in Kiel, die gemeinsam Zeitzeugen zu ihrer Flucht im Zweiten Weltkrieg befragt und eine Ausstellung gestaltet haben. Das sind alles tolle Projekte. Von denen können wir lernen. Es sind Beispiele für die "Erziehung zu Gewissensbildung". Ich kann Sie nur ermutigen, auf diesem Weg weiter zu gehen. Und werde das auch in den Schulen tun. 

Das führt zu einem vierten Punkt: Erinnerungskultur kann nicht statisch sein. Sie muss auf die Veränderungen der Zeit und der Gesellschaft reagieren. Und die neuen Medien bieten eben auch ein enormes Potenzial. Neue Chancen der Vermittlung, der Aufklärung, des Erlebens. Wir sollten sie nutzen. Digitalisierung wird ein Schwerpunkt meiner Bildungspolitik sein. Insofern fügt sich da vieles zusammen. Ein zeitgemäßes Beispiel ist Ladelund. In Kürze kann man an Computerterminals interaktiv in Biographien stöbern und lokale Chronikeinträge aufrufen. Eine "Mobile-App" liefert im Außengelände über QR-Codes zusätzliche Informationen. In Husum-Schwesing kann eine Führung per Smartphone abgerufen werden.

Ich bin sicher, dass die Technik in Zukunft eine noch bessere Vernetzung solcher Angebote erlaubt. Warum sollten die Schulen nicht eingebunden werden und davon profitieren?

Die Vielfalt der Gedenkstätten und eine lebendige Erinnerungskultur bleiben  fundamental für das historische Gedächtnis unserer Gesellschaft. Auch deshalb werde in diesem Jahr selbstverständlich ich den Vorsitz des Stiftungsrats bei der BGSH übernehmen. Sie alle engagieren sich seit Jahren. Sie leisten eine wichtige und elementare Arbeit für die Zivilgesellschaft. Dafür danke ich Ihnen von Herzen!

Nur wer die Vergangenheit kennt, ist gewappnet gegen neue Verführer und Verführungen. Die Diskussion an dieser renommierten "Stätte" in Malente hat viele Ideen und Anregungen hervorgebracht. Ich bin sicher, davon kann man einiges umsetzen. Ich versichere Ihnen: Der Dialog ist mir sehr wichtig. Setzen wir ihn fort. In der Landesregierung werden Sie einen aufgeschlossenen Partner finden. 

Vielen Dank