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Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein

© Archäologisches Landesamt S-H

BalticRIM: Ein internationales Projekt zur Integrierung des Maritimen Kulturerbes in die Raumplanung der Ostsee

Vor wenigen Wochen ist das europäische Projekt „BalticRIM“ angelaufen, das erstmals Denkmalschützer und Raumplaner aus fast allen Ostseeanrainerstaaten zusammenbringt, um künftig das Maritime Kulturerbe in die Raumordnung der Ostsee einzubeziehen und dadurch nachhaltig zu schützen.

Das Potenzial
Die Ostsee mitsamt seinen Haffen, Buchten, Förden und Schären gehört zu den einzigartigsten Gewässern dieser Erde: Kein Meer im eigentlichen Sinne, sondern ursprünglich ein großer auf dem Festlandsockel liegender Eisstausee, der infolge des Abschmelzens der Gletscher der letzten Eiszeit entstanden ist. Dieser ist erst seit dem Mesolithikum mit dem Weltmeer infolge der Littorina-Transgression verbunden und wurde in dessen Folge brackig, wie die Ausbreitung der namensgebenden Großen Strandschnecke Littorina littorea aus der salzigen Nordsee belegt.

Seesperre bei  ReesholmDie zum Danewerk gehörende Seesperre bei Reesholm aus dem frühen 8. Jh. ist eines der zahllosen Beispiele vom reichen aber verborgenen Unterwasserkulturerbe Schleswig-Holsteins. Sie zeigt die Notwendigkeit auf, gefährdende Nutzungen wie z. B. das Verankern von Wasserfahrzeugen und Reusen in diesem Gebiet auszuschließen. © ALSH

Doch ist die Ostsee dank des hohen Süßwassereintrags der großen osteuropäischen Flusssysteme und dem geringen Wasseraustausch bei den dänischen Belten in weiten Teilen niedrig an Salzgehalt und bietet somit wenig Lebensraum für die Schiffsbohrmuschel Teredo navalis. Aufgrund der günstigen biologischen und klimatischen Voraussetzungen kann die Ostsee daher regelrecht als „kulturelles Archiv“ bezeichnet werden, in denen Spuren menschlichen Wirkens über viele Jahrhunderte – oft sogar Jahrtausende – auf natürliche Weise konserviert werden, wie das weltberühmte Schiffswrack der 1628 gesunkenen und 1961 gehobenen Vasa eindrucksvoll belegt. Auch in jüngster Zeit sind komplette Schiffwracks – wie die niederländische Brigg Vrouw Maria (1771) oder das schwedische Kriegsschiff Mars (1564) – entdeckt worden, die wie Zeitkapseln komplett mit Ladung und Inventar die Jahrhunderte überdauert haben, als wären sie erst kürzlich gesunken. Aber auch in den westlichen Ostseegebieten, in denen sich der Teredo schon verbreitet hat, besteht ein noch immer latentes Potenzial, sofern die Fundstellen von einer schützenden Sedimentschicht bedeckt werden. In der gezeitenlosen Ostsee kann diese Schicht nur infolge von schweren Stürmen, aber zunehmend auch durch menschliche Einflüsse gestört werden (wie Schleppnetzfischerei, Sand- und Kiesabbau oder durch Schiffspropeller ausgelöste Verwirbelungen). Auch wasserbauliche Maßnahmen wie Pipelines, Tunnelprojekte und Offshore-Windkraftanlagen können archäologisch wichtige Gebiete empfindlich stören.

Archäologische Spuren sind einzigartige Fenster in die Vergangenheit, aber eine „nicht nachwachsende kulturelle Ressource“, deren Zerstörung unwiderruflich wäre. Dieser Gefährdung kann nur durch eine frühzeitige Einbeziehung der archäologischen Denkmalpflege auf allen Planungsebenen entgegengewirkt werden. Der Grundstein für einen nachhaltigen Schutz archäologischer Kulturgüter in der Ostsee ist durch das BalticRIM-Projekt nun erfolgreich gelegt worden.

Das Projekt
Das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein (ALSH) ist Träger des INTERREG-finanzierten Projekts Baltic Sea Region Integrated Maritime Cultural Heritage Management (kurz: BalticRIM), das im Oktober 2017 angelaufen und für drei Jahre angesetzt ist. Dieses wurde auf Veranlassung des Kulturerbe-Komitees des Ostseerates als „Leuchtturmprojekt“ initialisiert und ist als solches von vorrangiger Bedeutung zum Erhalt des maritimen Erbes der Ostsee. In dessen Rahmen arbeiten Archäologen und Denkmalschützer aus den Ostsee-Anrainerstaaten Dänemark, Estland, Finnland, Litauen, Polen, Russland und Schleswig-Holstein zusammen, um Gebiete in ihren Küstengewässern zu identifizieren, die ein hohes archäologisches Potenzial aufweisen und daher besonderen Schutz bedürfen. Das Projekt bietet auch ein Forum, in dem sich Denkmalschützer mit Raumplanern austauschen. So wird sichergestellt, dass archäologisch wichtige Gebiete erstmals mit in die Raumordnung einbezogen werden können. Dies ist ein bedeutender Fortschritt, denn bislang – abgesehen vom Naturschutz – wurden nur rein wirtschaftliche Interessen berücksichtigt. Diese Nutzungen stehen oft im Konflikt zu denkmalpflegerischen Belangen und haben in der Vergangenheit zu Planungsunsicherheiten und Baustopps geführt. Durch das BalticRIM-Projekt wird eine Grundlage geschaffen, die im Sinne der „blue growth“ Initiative der Europäischen Kommission nicht zuletzt eine Planungssicherheit für die wirtschaftliche Nutzung schafft. Die Bedeutung, die diesem Projekt beigemessen wird, spiegelt sich unter anderem an dessen „flagship“-Status in der von der Europäischen Kommission initialisierten EU Strategy for the Baltic Sea Region (EUSBSR) wider und der Tatsache, dass es als Aushängeschild des 2018 - European Cultural Heritage Year (ECHY) ausgewählt wurde. Weitere Details zu der strukturellen Ausrichtung dieser internationalen Zusammenarbeit finden sich auf der INTERREG-Webseite: http://projects.interreg-baltic.eu/projects/balticrim-133.html

Kartierung von 300 Fundstellen in den schleswig-holsteinischen TerritorialgewässernIn der archäologischen Landesaufnahme sind bislang rund 300 Fundstellen für die schleswig-holsteinischen Territorialgewässer verzeichnet. © ALSH

Die Planungsregion
Durch die Projektpartner wird ein Großteil der Territorialgewässer und der ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) in der Ostsee abgedeckt und bezieht auch Russland als einzigen Nicht-EU Mitgliedsstaat mit ein. Da Küstenverläufe ständigen Veränderungen unterlegen sind und küstennahe Fundstätten meist im Kontext zum Festland stehen, werden auch die Küstenstreifen ganzheitlich miteinbezogen. Während sich Projektpartner mit langen Küstenlinien auf einige als Fallstudien ausgewählte Regionen konzentrieren, hat sich das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein mit einer Ostsee-Küstenlinie von immerhin 537 km (davon fallen allein 137 km auf die der Schlei) das ambitionierte Ziel gesetzt, seine gesamte Ostseeküste im Rahmen dieses Projektes planungstechnisch zu erfassen. Dies bezieht allerdings nur die schleswig-holsteinischen Territorialgewässer ein, weil die AWZ der Bundesebene unterliegt. Da es auf Bundesebene allerdings noch keine denkmalpflegerische Instanz gibt, die für die AWZ zuständig ist, sieht sich das ALSH berufen, den Bund zumindest in beratender Rolle zu unterstützen.

Die Pilotregionen
Zur eigentlichen Planungsregion kommen für Schleswig-Holstein noch Management-Pilotprojekte in der Schlei und in der Flensburger Förde hinzu, Letzteres in grenzübergreifender Zusammenarbeit mit den Raumplanern der Universität Aalborg. Im Rahmen dieser Pilotprojekte sollen Synergien zu anderen Sektoren wie dem Naturschutz und dem Tourismus erprobt und gebildet werden. Hier werden Schnittmengen identifiziert, die gemeinsam in Raumordnungspläne eingebracht werden können. Da sich das Projekt auf das gesamte maritime Kulturerbe bezieht, leitet das ALSH auch einen Planungsauftrag jenseits des archäologischen – sprich: materiellen – Kulturerbes ab und plant insbesondere in der Flensburger Förde das immaterielle maritime Kulturerbe miteinzubeziehen, wo dieses u. a. durch den Flensburger Museumshafen und die Traditionsschiffer-Gemeinschaft am Leben erhalten wird.

Die örtliche Umsetzung
Im Rahmen der Projektarbeit wird die Fundstellen-Datenbank aktualisiert und durch noch relativ unbekannte Fundstellen und Anomalien ergänzt, die noch nicht in der archäologischen Landesaufnahme registriert sind. Auch andere nicht-archäologische Quellen, die auf eine kulturhistorische Bedeutung von Küstengebieten deuten, sollen ausgewertet werden, wie z. B. die im Schlei-Atlas von Johannes Mejer 1641 detailliert dargestellten Heringszäune und Hafenanlagen. Zudem können auch Wahrscheinlichkeiten für günstige vorgeschichtliche Siedlungslagen und Erhaltungsbedingungen aufgrund von eustatischen und geomorphologischen Veränderungen abgeleitet werden. So befinden sich in Schleswig-Holstein aufgrund der postglazialen Landsenkung viele Küstensiedlungsplätze des Mesolithikums heute unter Wasser.

Die grenzübergreifende Zusammenarbeit
Obwohl jedes Land theoretisch die Belange des in den hoheitlichen Gewässern befindlichen maritimen Kulturerbes eigenständig in die Raumplanung einbinden kann, ergeben sich aus der grenzübergreifenden Zusammenarbeit Chancen des Erfahrungsaustausches und ein Blick über den Tellerrand. Zudem wird das historisch gewachsene regionale Kulturerbe durch moderne Staatsgrenzen künstlich getrennt, was einen gemeinsamen Ansatz zu dessen Kategorisierung sinnvoll erscheinen lässt, sodass aufgrund von administrativen Unterschieden und denkmalpflegerischen Auslegungen archäologische Vorranggebiete nicht abrupt an einer Seegrenze enden. In regelmäßigen Abständen finden daher Treffen der Projektpartner und ihrer assoziierten  Mitglieder an wechselnden Orten rund um die Ostsee statt, um einen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen und Lösungsansätze für Problemstellungen zu finden.

Das Netzwerk Das Netzwerk (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster)Das Netzwerk (zur Bildvergrößerung bitte das Lupensymbol anklicken) © ALSH

Ansprechpartner
BalticRIM-Projektkoordination in Schleswig-Holstein
Dr. Daniel Zwick
Tel. 0049 4621 387 26
daniel.zwick@alsh.landsh.de

BalticRIM-Gesamtkoordination als Projektträger
Matthias Maluck M.A.
Tel. 0049 4621 387 36
matthias.maluck@alsh.landsh.de

Logos © BalticRIM, INTERREG, EUSBSR, EYCH