Landesportal Schleswig-Holstein

Diese Webseite verwendet Cookies und das Webanalyse-Tool Matomo. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich hiermit einverstanden. Eine Widerspruchsmöglichkeit gibt es hier.

Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein

© Archäologisches Landesamt S-H

Voruntersuchung der Superlative

In Tornesch, Kreis Pinneberg, ist ein neues Gewerbegebiet in Planung.

Drohnenfoto mit Blick über die voruntersuchte Gewerbegebietsfläche gegen Nord. Im Boden verlaufen zahlreiche mit dem Bagger ausgehobene parallele Suchschnitte. Drohnenfoto mit Blick über die voruntersuchte Gewerbegebietsfläche gegen Nord. (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster)Drohnenfoto mit Blick über die voruntersuchte Gewerbegebietsfläche gegen Nord. © ALSH

Bereits 2022 soll in der Stadt Tornesch ein nördlich der Ahrenloher Straße und unmittelbar östlich der Autobahn A23 gelegenes und als Gewerbegebiet ausgewiesene Areal den bereits vorhandenen Businesspark erweitern und bebaut werden. Das Baugebiet umfasst dabei eine Fläche von knapp 26 ha. Im nördlichen Drittel der östlichen Untersuchungsfläche war vorab der auf einer Sandaufwehung liegende steinzeitliche Oberflächenplatz LA 4 bekannt sowie weitere steinzeitliche Fundplätze aus dem näheren Umfeld. Von der übrigen Fläche waren u. a. auch mittelalterliche und frühneuzeitliche Lesefunde bekannt. Überwiegend diese Fundplätze lieferten Gründe, das Bauareal hinsichtlich möglicher archäologischer Zeugnisse  bauvorgreifend zu untersuchen.

Bei der notwendigen Voruntersuchung wurden insgesamt 67 Sondageschnitte in Baggerschaufelbreite (2 m) angelegt, in denen sich insgesamt 28 Bodenverfärbungen fanden, welche sich als 24 archäologisch relevante Verfärbungen erwiesen: darunter 18 Gruben, drei Pfostengruben, zwei Feuerstellen und eine große Moorsenke mit moderner Auffüllung. Die ältesten Funde der Voruntersuchung stammen aus der mittleren Steinzeit. Sie wurden ebenfalls im Bereich der Sanddüne entdeckt, stammen aber alle aus dem Humus. Ungestörte Schichten der ausgehenden letzten Kaltzeit ließen sich nur noch in sehr geringem Maße rudimentär in kleinsten fundleeren Teilbereichen fassen. Alle übrigen Befunde dürfen als neuzeitlich angesprochen werden, es handelt sich um Befunde und Funde des wohl beginnenden 19. bzw. 20. Jahrhunderts. Als besonders interessant stellten sich dabei zwei Gruppen von Gruben heraus. Zum einen handelt es sich um große Materialentnahmegruben mit Größen zwischen 5,20 x 6,00 m und ca. 28,00 x 8,6 m Größe und zum anderen um kleinere Grubenbefunde (Maße zwischen 1,65 x 1,80 m und 1,70 x 2,46 m), die auffällig viel Steinmaterial enthielten.

Alle vier Großbefunde lagen im Südteil der Baufläche und unmittelbar westlich des Ellerhooper Weges. Die im Profil muldenförmig verlaufenden Gruben hoben sich mit deutlichen, scharfen Grenzen vom anstehenden hellen Boden ab und waren mit schwarzbraunem Humus und anstehendem Material verfüllt. Eine Tiefenabbohrung eines der Befunde ergab, dass dieser noch bis zu 2,40 m weiter hinab reichte. Eine Bohrung am Rand des Großbefundes 21 (Länge ca. 28 m) wiederum ließ bis in drei Meter Tiefe keine Sohle des Befundes erkennen.

Bei diesen Großbefunden handelt es sich um Mergelgruben bzw. –kuhlen. Mergel liefert die Stoffe, die den armen Böden der Geest fehlen. Er fördert den Pflanzenwuchs, weil die feinen Tonteile das Wasser im Boden halten und der Kalk den pH-Wert erhöht und damit in der Lage ist, Säure zu binden. In der Landwirtschaft wurden seinerzeit hauptsächlich trockengelegte Moore und Sümpfe mit Mergel aufgewertet; der Kalk neutralisierte die sauren Böden und der Ton stabilisierte den weichen Boden, damit die Äcker besser begehbar und befahrbar gemacht werden konnten. Bei der Bodenverbesserung mittels Mergel war allerdings nach rund 20 Jahren der Kalkgehalt des eingebrachten Materials verbraucht, und es musste erneut Mergel auf die Felder gebracht werden. Bei den vorliegenden Großbefunden dürfte es sich um lokale, vom Besitzer / Pächter des Landes betriebene Mergelgruben gehandelt haben, die seinen Eigenbedarf an Mergel deckten. Der Mergelabbau wurde vor allem im 19. Jahrhundert betrieben. In Tornesch gab es viele solcher kleinen Mergelkuhlen, durch die auch der nahe gelegene Kuhlenweg seinen Namen erhielt.

Steinschlägergrube Befund 2 in Planum und Profil. Mehrere Steine liegen in einer Grube, deren Sandfüllung dunkler ist als der Umgebungsbereich. Steinschlägergrube Befund 2 in Planum und Profil (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster)Steinschlägergrube Befund 2 in Planum und Profil © ALSH

Bei der anderen Befundgruppe von Interesse handelt es sich um sogenannte Steinschlägergruben. Sie besaßen Größen zwischen 1,65 x 1,80 m und 1,70 x 2,46 m und waren zwischen 0,36 m und 0,45 m tief eingegraben. Auffällig bei diesen drei muldenförmig eingetieften Gruben war besonders ihr Steinreichtum. So konnten in Befund 2 besonders viele plattig gebrochene Steinplatten beobachtet werden. Aus Befund 6 stammt u. a. ein Steinbruchstück mit einem längs gesprungenen Loch einer Bohrung. Zudem konnten aus diesem Befund Reste eines schalenförmigen Gefäßes mit waagerechten Henkeln aus unglasierter roter Irdenware geborgen werden.

Steinschlägergruben stellen eine besondere Form von archäologischen Befunden dar – belegen sie doch indirekt eine Nutzung natürlicher, großer Steine / Findlinge zu verschiedenen Zwecken wie dem Bau von Hausfundamenten oder ganzen Gebäuden bis hin zu Straßenpflastern, Bordsteinkanten, Treppensteinen oder Grab-, Gedenk- und Meilensteinen. Auch wurden sie beim Deichbau verwendet. Der Bedarf an Steinen brachte sogar eine eigene Berufsgruppe hervor: die Steinschläger. Die Steinschläger waren schon im 17. und 18. Jahrhundert, besonders aber im 19. Jahrhundert tätig. Sie verwendeten Feuer und Wasser zur Zerteilung von Steinen oder spalteten diese mit Keilen oder Meißeln. Sprengungen von Steinen mittels Schwarzpulver, z. B. auch Sprengungen von Hünengräbern für den Chausseebau, wurden schon in napoleonischer Zeit vorgenommen. Die einfachste Art der Steinbearbeitung lag jedoch bei der Zertrümmerung mittels eiserner Schlegel bzw. Vorschlaghämmer. Als Reste dieser Bearbeitung blieben kleinere Trümmer und scharfkantige flächige Splitter zurück. Auch das Eintreiben von Holzkeilen in eingetiefte Keillöcher war gängig. Diese Holzkeile wurden dann mit Wasser getränkt, quollen auf und sprengten den Stein.

Die Voruntersuchung des großen, zukünftigen Tornescher Gewerbegebietes hat einmal mehr gezeigt, dass auch wenige neuzeitliche Befunde für die Regionalgeschichte eine gewisse Bedeutung haben können, die zum Verständnis der Alltagsgeschichte und Lebensumstände beitragen und sie weiter erhellen können.