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Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein

© Archäologisches Landesamt S-H

Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht …

Informationen über eine Grabung in Archsum auf Sylt

Das Profil des Brunnens Befund 13 Das Profil des Brunnens Befund 13 (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster)Das Profil des Brunnens Befund 13 © ALSH

Das für Mann und Maus unter Umständen äußerst gefährliche Element Wasser ist gleichzeitig auch überlebenswichtig, das zeigte sich auch jüngst auf der von der Nordsee umbrandeten Insel Sylt: Bei einer vorbereitenden Grabung im Vorfeld von Bauarbeiten in Archsum (Gemeinde Sylt-Ost, Kreis Nordfriesland) konnten unter anderem drei gut erhaltene Brunnen aus dem 13./14. Jahrhundert dokumentiert werden.

Die im Planum recht großen, rundlichen Verfärbungen (Dm. 3–4 m) in einer der zu untersuchenden Baugruben erwiesen sich bei der Profilanlage als Brunnen. Die aus röhrenförmig gesetzten Kleisoden (in Soden abgestochenes toniges Marschensediment) aufgesetzten Brunnen liegen relativ nah in Abständen von 3–6 m beieinander.

Unterkonstruktion des Brunnens aus Stein Unterkonstruktion des Brunnens aus Stein (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster)Unterkonstruktion des Brunnens aus Stein © ALSH

Vom Aufbau waren die Wasserstellen sehr ähnlich und entsprachen der Bauweise, wie sie von Sodenbrunnen ohne weitere Holz- oder Rutengeflechteinbauten im Raum des friesischen Wattenmeeres seit dem Frühmittelalter bekannt ist: Nach der Anlage einer trichter- bis zylinderförmigen Arbeitsgrube wurde, vermutlich schon im Grundwasser stehend, ein stabiler Ring aus groben, rundlichen Feldsteinen in den anstehenden, sandigen Boden gesetzt. Darauf setzte man anschließend eine Röhre (Dm. etwa 2 m) aus in Soden abgestochenen Kleis, wobei die Kantenlänge der Soden (Formate z. B. 45 x 15 cm, 65 x 15 cm, Länge bis zu 0,85 m) von unten nach oben abnahm.

Vermutlich schon während der reihenweisen Aufschichtung der Soden wurde die Arbeitsgrube außen um die Röhre Stück für Stück mit dem übrigen Aushub verfüllt. Der Gleichmäßigkeit der Schichtenabfolge nach zu urteilen, dürfte dieser Vorgang zügig fortgeschritten sein. Eine interessante, bisher weniger bekannte konstruktive Abweichung zeigt der südlichste Brunnen, dessen Röhre keinen runden, sondern einen rechteckigen Grundriss aufwies. Dennoch ist die Bauweise der Brunnen technisch als sehr ähnlich zu bezeichnen. Augenscheinlich wurden die Bauwerke sehr ebenmäßig und in kurzer Zeit von professionellen Handwerkern oder zumindest geübten Brunnenbauern errichtet. Die vergleichbare Bauweise und die Lage dicht beieinander spricht dazu für eine geringe zeitliche Tiefe der Abfolge des Baus der drei Brunnen, der im Wesentlichen durch die Keramikfunde bestätigt wird.

Gefäße aus dem Brunnen Befund 12 Gefäße aus dem Brunnen Befund 12 (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster)Gefäße aus dem Brunnen Befund 12 © ALSH

Außer einigen Scherben hart gebrannter Grauware in der Baugrube der Brunnen konnten in der Verfüllung der Brunnenröhre des südlichsten Befundes auf der Brunnensohle zwei fast komplette Gefäße bleiglasierter Irdenware geborgen werden. Sie dürften unmittelbar aus der Nutzungszeit stammen und versehentlich in den Brunnen gefallen sein. Bei dem größeren Gefäß handelt es sich um einen rötlichbraun glasierten, bauchigen Krug (Höhe 18,5 cm) aus dünnwandiger, hellrot gebrannter Irdenware. Das zweite Gefäß ist ein bauchiger, sackförmiger Topf (erh. H. 17 cm) aus gelblicher Irdenware mit grauem Kern, dessen Oberfläche mit einer graugrünen Anflugglasur verziert ist. Der Sturz in den Brunnen dürfte für Bedauern gesorgt haben, denn es handelt sich um Importe. Derartig hochwertig gearbeitete Gefäße sind für das 13./14. Jahrhundert aus lokaler Produktion dieser Zeit bisher kaum bekannt.

Zwei ebenfalls aus Kleisoden aufgesetzte Röhrenbrunnen, allerdings mit Holzsubstruktionen, traten bei Untersuchungen des ALSH in Archsum schon 2014 wenig nördlich der jetzt untersuchten Fläche auf. Diese datierten jedoch ausweislich eines Dendrodatums etwas früher, und zwar in das späte 9. Jahrhundert. Vergleichbare Brunnen aus Sodenwänden ohne Holzeinbauten sind neben weiteren Varianten mit Holzeinbauten beispielsweise auch aus den Ausgrabungen an der früh- bis spätmittelalterlichen Warft Elisenhof bekannt. Dort wurde allerdings bei der Schichtung der Röhre eine Senkrechtstellung der Soden vorgenommen oder bei einem weiteren Brunnen auch eine Art Fischgrätmuster aus unterschiedlich geschnittenen Soden gelegt. Auch diese Brunnen datieren über Keramikfunde in das hohe Mittelalter.

 

Literatur:

A. Bantelmann, Die frühgeschichtliche Marschensiedlung beim Elisenhof. Landschaftsgeschichte und Baubefunde. Studien Küstenarchäologie in Schleswig-Holstein, Ser. A, Elisenhof 1 (Bern/Frankfurt 1975)

F. Biermann, Brunnen im mittelalterlichen ländlichen Siedlungswesen Deutschlands: ein Überblick. Water management in medieval rural economy. Ruralia V. Památky archeologické Supplementum 17, 2005, 152–173.

D. Meier und W. G. Coldewey, Wasserversorgung in den Nordseemarschen von der römischen Kaiserzeit bis zur frühen Neuzeit. in: DWhG – Zehn Jahre wasserhistorische Forschungen und Berichte, Schriften der DWhG, Bd. 20.1, 2012, 249–260.