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Tiergesundheit und Tierwohl bei landwirtschaftlichen Nutztieren

Staatskanzlei

Tiergesundheit und Tierwohl bei landwirtschaftlichen Nutztieren

Milchkühe auf einer Weide © M. Staudt / grafikfoto.de

Landwirtschaftlichen Nutztieren kommt naturgemäß bei der Erzeugung von Lebensmitteln eine zentrale Aufgabe zu. Grundsätzlich gilt, dass Lebensmittel tierischen Ursprungs nur so gut sein können wie die Umstände, unter denen sie erzeugt wurden. Zwischen dem Wohlergehen unserer Tiere und Erkrankungen als Ausdruck von Defiziten in diesem Bereich sind die Übergänge fließend. Das Schadenspotenzial für landwirtschaftliche Betriebe ist erheblich, da die Auslöser, Defizite in Haltung, Fütterung und Management, permanent auf die gehaltenen Tiere einwirken. Betroffen sind dabei ganze Haltungsgruppen oder Herden/Bestände. Im Gegensatz dazu bewirken die Erreger klassischer Tierkrankheiten ggf. nur bei Einzeltieren, immer aber nur zeitweise tiergesundheitlich bedingte Verdienstausfälle in den Betrieben.

Die Begriffe "Faktorenerkrankung" und "Produktionskrankheiten" kennzeichnen Beeinträchtigungen und Gesundheitsstörungen, die maßgeblich mit Haltung, Fütterung, Leistung, Züchtung und Management verbunden sind. Mit anderen Worten: sie sind mit biologischen, technologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten des Produktionsverfahrens verknüpft. Je nach Tierart, Nutzungsrichtung und Haltungssituation sehen Produktionskrankheiten sehr unterschiedlich aus. Einzelne Einflüsse für sich werden von Nutztieren durch ihre Reparatur-, Stoffwechsel-, Regel- und Immunsysteme im Regelfall ausgeglichen. Kritisch wird die Situation, wenn das Zusammentreffen einer ganzen Reihe von Einflüssen (sog. Stressoren) letztlich vom Tier dann nicht mehr kompensiert werden kann. Dann reicht das klinische Bild von kaum merklichen Veränderungen verschiedenster Art bis hin zu einer Häufung von Totalausfällen. Stets bleiben die Leistungen (Fruchtbarkeit, Tageszunahmen, Milchleistung, Legeleistung etc.) und ggf. die Nutzungsdauer hinter den Erwartungen zurück.

Ohne die tatsächlichen Ursachen im Produktionsablauf abzustellen können sich 'Reparaturen' weder dauerhaft noch nachhaltig Gesundheit und Leistung betroffener Herden verbessern. Der Bestand bzw. die Herde bleibt verschiedensten Stressoren ausgesetzt und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass weitere Tiere nachfolgend gleiche oder ähnliche Beeinträchtigungen zeigen. Besserung versprechen nur gezielte Ursachenbekämpfung und Vorbeuge auf der Grundlage einer gründlichen Situationsanalyse. Situative tierärztliche Behandlung und Arzneimitteleinsatz werden sich nie ganz verhindern lassen. Der wichtigste Ansatz zur Lösung dieses Dilemmas im Sinne der Nutztiere und der landwirtschaftlichen Tierhalter ist die Ausschaltung von Stressoren vor Auftreten von Gesundheitsschäden und Leistungseinbrüchen. Im Erkennen des eigenen 'blinden Flecks' und der zügigen und konsequenten Reaktion liegt die größte Chance für betroffene Betriebe und ihre Tiere.

Schweinehaltung

Im Bereich der Schweinehaltung geht ein großer Teil der Haut-, Gelenks- und Klauenverletzungen mit nachfolgenden Entzündungen und Lahmheiten auf die Eigenschaften bzw. die Beschaffenheit der Haltungssystems zurück. Dazu gehören insbesondere auch Beschäftigungsmöglichkeiten (incl. Raufutter), Eignung des Stallklimas, der Fütterung, der Hygiene und des Managements. Andererseits liegen die Verlustraten trotz deutlicher Leistungssteigerungen deutlich unter 3 Prozent (Schulz 2013). Bei der Auswertung von Schlachtdaten fiel auf, dass – unabhängig von der konventionell oder ökologisch geprägten Erzeugung – regelmäßig nur etwa die Hälfte der geschlachteten Tiere befundfrei blieb. Besonders häufig waren Haut, Klauen und Gelenke, Lungen und Lebern betroffen. Dieser Wert schwankt zwar erheblich (Schmidt 2008, Pill 2014). Dennoch wird deutlich, dass in der gezielten Vermeidung von haltungsbedingten Erkrankungen von Schweinen zugleich neben der tierzüchterischen Bearbeitung die wirtschaftlich bedeutendste Chance für tiergesundheitliche und betriebswirtschaftliche Verbesserungen in der Schweinehaltung liegt. Bei aller saisonalen Beeinflussung des Betriebsergebnisses kann nur so mittel- und langfristig die betriebliche Situation gesichert werden.

Rinderhaltung

Beim Rind haben die Verbesserungen von Fütterung und Haltung und besonders die tierzüchterische Bearbeitung des Hausrindes einen gravierenden Leistungssprung ermöglicht. Von 1960 bis 2010 hat sich die Milchleistung der einzelnen Kuh in etwa verdoppelt. Im Verhältnis zur insgesamt aufgenommenen Energiemenge ist der für die Aufrechterhaltung der Körperfunktionen erforderliche Energieanteil (Erhaltungsenergie) an der Gesamtration heute deutlich geringer. Die modernen tierzüchterischen Methoden treiben diesen Trend z.B. über genomische Selektion kontinuierlich weiter. Betriebsleiter haben es bei der Übernahme der Betriebsverantwortung regelmäßig nicht mit dem Typ Tier zu tun, für das sie ca. 15 Jahre zuvor ausgebildet wurden. Gleich mehrere Generationen Vererber mit erheblichen Leistungssprüngen liegen also zwischen dem Tier, für das ursprünglich die Berufsausbildung galt und den Kühen, aus denen sich die heutigen Milchkuhherden zusammensetzen. Und das Tempo der Veränderung wird mit der Weiterentwicklung und Praxiseinführung von biotechnischen Methoden weiter steigen. Defizite durch Überschreiten der Fehlertoleranz beim Milchrind führen insbesondere in den Bereichen Allgemeinbefinden, Stoffwechselgesundheit, Eutergesundheit, Immunsystem, Fortpflanzung und Tragapparat zu Ausfallerscheinungen und Gesundheitsstörungen.

Mehr Tiergesundheit in den landwirtschaftlichen Betrieben bedeutet einerseits, dass wir der Bedarfslage der Nutztiere besser gerecht werden (Tierwohl). Mehr Tiergesundheit kommt andererseits den Tierhaltern wirtschaftlich unmittelbar zugute, denn gesunde Tiere sind viel eher in der Lage, ihr züchterisch angelegtes Leistungspotenzial auch auszuschöpfen. Und schließlich ist anzumerken, dass eine verbesserte Tiergesundheit die Qualität der erzeugten Lebensmittel sichert und vermeidbaren Belastungen der Umwelt entgegenwirkt. Es geht um Nachhaltigkeit in der Milchkuhhaltung, von der die Gesellschaft insgesamt profitiert.