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Interview: Dr. Bernhard Benz

Staatskanzlei

Interview: Dr. Bernhard Benz

Das Thema Tinnitus fasziniert mich seit über 30 Jahren als Wissenschaftler und praktisch tätiger HNO Arzt in Kiel. Tinnitus ist ein sehr verbreitetes Phänomen, das uns einen tiefen Einblick in unsere Wahrnehmung und unser Selbstverständnis erlaubt. Wenn das Phänomen Tinnitus zur Krankheit wird, wenn wir also darunter leiden, ist dieser Einblick wesentlicher und unverzichtbarer Teil der Therapie.

Nach einem stressigen Tag oder einem Konzertbesuch hat man ein Pfeifen in den Ohren, ist das schon Tinnitus?

Tinnitus ist keine Krankheit, sondern das medizinische Fremdwort für alles was wir akustisch aus dem Inneren unseres Körpers wahrnehmen. Wenn Tinnitus den Charakter eines Tones hat, also ein Pfeifen und kein Rauschen, Klopfen, Klingeln oder Pulsieren, handelt es sich meist um ein im Hörnervensystem entstehendes Wahrnehmungsphänomen. Die Hauptursachen für diese Fehlwahrnehmung sind Stress, Hörverlust und unmittelbar vorausgegangene Schallbelastung.

Wie kann ich mein Gehör bei einem Konzert am besten schützen?

Am sinnvollsten ist es sicherlich, auf die Schallquelle einzuwirken. Bei übermäßiger Lautstärke können Besucherinnen und Besucher durchaus an die Veranstalter des Konzertes herantreten und darum bitten, die Lautstärke zu reduzieren. Besonders tückisch ist allerdings, dass man die Schallschädigung oft erst zu spät merkt, da sie in der Regel ganz langsam voranschreitet. Schade für uns Musikliebhaber, gut für die Hörgeräteakustiker.

Denn Altersschwerhörigkeit ist die Summe aller Schadereignisse über die Lebensdauer und das Alter lässt sich bekanntlich nicht umkehren. Deshalb sollten gerade junge Leute nicht nur bei besonderen Ereignissen, wie bei einem Konzert oder in der Disco, sondern auch im Alltag auf ihr Gehör achten. Die dauerhafte Schädigung durch laute Musik über Kopfhörer, beim Gebrauch von Smartphone oder MP3-Player wird häufig unterschätzt.

Wie kann ich herausbekommen, welchem Lärmpegel ich ausgesetzt bin, zum Beispiel bei der Arbeit? 

Mit einem Phonometer. Für Lärmschutz am Arbeitsplatz sind Arbeitgeber, Betriebsrat und letzten Endes die Berufsgenossenschaft zuständig. Bei bestimmten Berufsgruppen werden regelmäßig umfangreiche Expertenmessungen durchgeführt, aber auch bei Verdacht und auf Hinweis werden solche Kontrollen durchgeführt. Arbeitnehmer sollten im eigenen Interesse darauf hinweisen und die Lärmschutz-Vorschriften einhalten. Es gibt neuerdings einige Apps für Smartphones zur ersten Einschätzung der Lärmbelastung.

Da man die individuelle Empfindlichkeit der Ohren selbst und die individuelle Lautheitswahrnehmung nicht gut messen kann, sind Ohrstöpsel immer eine gute Empfehlung (Immission). Ohrstöpsel als kleine und wirksame Sofortmaßnahme kann man vorsorglich in die Tasche stecken und bei einem Konzert oder auch bei einem Abend in der Disco bei Bedarf verwenden.

Welche Therapiemöglichkeiten von Tinnitus gibt es?

Erfolgreiche Therapie setzt immer an den Ursachen an. Diese sind Stress und Hörverarbeitung, Schallbelastung und Hörverlust. Bei akuter Schallbelastung mit Hörverlust und Tinnitus sollten Sie sich deshalb möglichst bald zu einer Untersuchung bei Ihrem HNO Arzt anmelden. Dort kann der Zustand der Ohren und die Beziehung von Hörverlust und Tinnitus abgeklärt und ggf. die Behandlung eingeleitet werden.

Gibt es Folgekrankheiten zum Tinnitus?

Jede Krankheit betrifft immer mehr oder weniger den ganzen Menschen. Wenn Tinnitus vom Phänomen zur Krankheit wird, dann, weil zum primär auslösenden Stress auch noch der Stress durch den Tinnitus kommt. Dadurch kann sich der krankhafte Tinnitus selbst stabilisieren beziehungsweise verstärken. Es entsteht ein Teufelskreis mit gegebenenfalls allen möglichen psychosomatischen Folgekrankheiten.

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