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„Prothesen laufen nicht von allein“

Staatskanzlei

„Prothesen laufen nicht von allein“

Das Exoprothesennetz.SH verbindet Mediziner, Reha-Kliniken, Physiotherapeuten und die Unternehmen der medizinischen Versorgungstechnik in Schleswig-Holstein. Ihr gemeinsames Ziel ist die Beratung und bestmögliche Versorgung von Amputationspatienten.

Logo Exoprothesennetz.SH - Versorgung, Entwicklung, Innovation © Exoprothesennetz.SH

Vor allem Menschen mit Diabetes sind heute von Amputationen der Gliedmaßen betroffen, 50 bis 70 Prozent aller Amputationen der unteren Gliedmaßen sind Folge dieser Stoffwechselstörung. Für die Betroffenen ist der Eingriff über eine lange Zeit mit großen physischen und psychischen Herausforderungen verbunden. Oft fehlt allerdings sowohl den Betroffenen als auch ihren ersten Ansprechpartnern, den Hausärzten, das notwendige Wissen darüber, wie man mit einer Amputation umgehen soll.

In Schleswig-Holstein hat sich 2017 deshalb das Exoprothesennetz.SH gegründet, das bei der Kieler Wirtschaftsförderung angesiedelt ist. Es ist ein bundesweit einzigartiges medizinisches Versorgungsnetzwerk zur verbesserten und strukturierten Behandlung von Patienten vor und nach einer Amputation. Beteiligt daran sind sämtliche „Leistungserbringer“ im Land, so der Fachausdruck der Krankenkassen, die mit der Behandlung und Beratung, den Amputationen, dem Bau und der Entwicklung der Prothesen sowie der Reha-Maßnahmen zu tun haben. „Unser Netzwerk stützt sich auf fünf Säulen“, erklärt Stephan Büchler, Experte und Sprecher des Exoprothesennetzwerk.SH: „Die medizinischen Fachkliniken und die Pflegeeinrichtungen, die Hilfsmittelhersteller, die Rehabilitationseinrichtungen und die Versorgungstechnik. Grundidee war von Anfang an, sämtliche Akteure der Branche zusammenzubringen, um die bestmögliche Behandlung und Versorgung für die Patienten herauszuholen.“

Aufklären und Ängste nehmen

Das Netzwerk will erste Ansprechpartner vor und nach der Amputation vermitteln. Auf der Website des Netzwerks finden Betroffene detaillierte Informationen und Versorger in der Region. Wichtig sei es, potenzielle Patienten von Beginn an zu begleiten, sagt Büchler. „Man darf nicht vergessen, in erster Linie ist eine Amputation eine lebensrettende Operation. Wir als Netzwerk können den Betroffenen einen Weg zeigen, wie sie durch diese schwierige Zeit nach der OP kommen.“ Aufklärende Gespräche mit den geschulten Fachärzten und Chirurgen können den Patienten einen Teil der Ängste nehmen, die Physiotherapeuten und Orthopädie-Techniker können sie motivieren, trotz Amputation ein einigermaßen selbstbestimmtes Leben zu führen. „Die Prothesen laufen nicht von allein. Wenn sie aber angenommen werden, geben sie ihren Trägern auch eine gewisse Selbstständigkeit zurück, jede Mobilitätserweiterung ist ein Stück mehr Lebensqualität“, sagt Büchler. Der gelernte Orthopädietechniker und Prothetikberater weiß, wovon er spricht. Mit 16 Jahren wurde ihm aufgrund einer Krebserkrankung der rechte Unterschenkel amputiert, mit seiner Beinprothese fährt der Spitzensportler seit Jahren extreme Mountainbike-Rennen und fühlt sich durch sie auch im Alltag kaum gehandicapt.

Wissensaustausch über technische Neuerungen

Einen weiteren wichtigen Ansatzpunkt des Netzwerks sieht Büchler in der Verknüpfung zwischen den Versorgern sowie den Forschungseinrichtungen und Technologie-Unternehmen im Land, die sich mit der technischen Weiterentwicklung der medizinischen Hilfsmittel beschäftigen. „Heutige Prothesen sind beweglicher, leichter und vielseitiger als noch die vor 20 Jahren. Die Prothetik ist sehr progressiv, denn die technischen Möglichkeiten haben sich enorm entwickelt.“ Neue Entwicklungssoftware in der Konstruktion oder neue Technologien wie der 3D-Druck in der additiven Fertigung schaffen bisher ungeahnte Möglichkeiten in der Konstruktion und Umsetzung von Prothesen.

Vor allem der konstante Wissensaustausch untereinander sei eine wichtige Aufgabe des Exoprothesennetzwerks, sagt Büchler. Die technischen Neuerungen sollten den Patienten möglichst schnell zugutekommen, so Büchler, deshalb sollen alle Beteiligten des Netzwerks auch stets über den neuesten Stand der Entwicklung informiert sein. Zu diesem Zweck organisieren er und seine Kollegin Mareike Chalkley auch diverse Veranstaltungen, bei denen sich Ärzte, Orthopädietechniker, Physiotherapeuten, Pflegepersonal und andere Interessierte informieren und weiterbilden können. Das Portfolio reicht von Prothesen- und Gehschulkursen für Physiotherapeuten bis zu landesweiten Medizinerkongressen, bei denen sich Ärzte über Themenbereiche der Amputation oder der Nachsorge informieren und austauschen.

Zur Webseite des Exoprothesennetzes

Ein Mann mit Brille lächelt in die Kamera.
© Privat

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