Klimaprognosen bedingen neues Bemessungsverfahren für Landesschutzdeiche
Der vierte IPCC-Klimabericht des Jahres 2007 projizierte einen globalen Meeresspiegelanstieg zwischen etwa 0,2 und maximal 0,8 m bis zum Jahre 2100. Um dies zu berücksichtigen werden in Schleswig-Holstein Deichverstärkungen mit einem "Klimazuschlag" in Höhe von 0,5 m durchgeführt. Nunmehr lassen neuere Veröffentlichungen zum globalen und regionalen Meeresspiegelanstieg vermuten, dass die IPCC-Werte nach oben korrigiert werden müssen. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist mit regionalen Anstiegswerten zwischen etwa 0,5 und maximal 1,4 m bis zum Jahre 2100 zu rechnen. Da die bandbreite der Projektionen bzw. die Unsicherheiten in der Modellierung ebenfalls stark zugenommen haben, sind sog. "No-Regret"-Lösungen gefragt.
Übersicht der Baureserven (Zum Vergrößern bitte Anklicken.)
Um diese Anforderungen gerecht zu werden hat Schleswig-Holstein ein neues Konzept für Deichverstärkungen entwickelt, das am 11. September durch Umweltminister Dr. von Boetticher der Öffentlichkeit vorgestellt wurde (siehe Abb.):
- Nach dem im Generalplan Küstenschutz des Jahres 2001 beschriebenen Verfahren wird regelmäßig – etwa alle 10 Jahre – die Sicherheit der Landesschutzdeiche überprüft.
- Bei festgestellter Unterbemessung (Abb. a) wird zunächst eine Neubemessung nach dem bisherigen Verfahren (einschl. Klimazuschlag von 0,5 m) und für das Regelprofil mit variabler Neigung der Deichaußenböschung durchgeführt (Abb. b).
- Das somit ermittelte Deichbestick (Höhe und Neigungen) wird in einem weiteren Schritt angepasst, in dem die Breite der Deichkrone von 2,5 auf 5 m verbreitert wird und die Außenböschung eine einheitlich flache Neigung erhält (Abb. c).
Durch die Abflachung und Verbreiterung der Deichkrone wird bereits heute eine zusätzliche Sicherheit gegenüber dem Regelprofil geschaffen, da der (zu kehrende) Wellenauflauf mit flacheren Deichaußenböschungen generell abnimmt. Der größte Vorteil ist jedoch, dass eine sog. Baureserve für spätere Nachverstärkungen geschaffen wird. Falls der Meeresspiegel stärker als angenommen ansteigt (>> 0,5 m) haben nachfolgende Generationen nämlich die Möglichkeit, mit geringem Aufwand dem Deich eine sog. Deichkappe aufzusetzen (Abb. d). Das alte Regelprofil mit unterschiedlichen Deichaußenböschungen würde dadurch wiederhergestellt. Mit dieser Maßnahme kann einem zusätzlichen Meeresspiegelanstieg von bis zu einem Meter begegnet werden. Die Bandbreite der aktuellen Meeresspiegelszenarien wird mit dem mehrstufigen Verfahren voll abgedeckt. Die zusätzlichen Maßnahmen führen zunächst zu einer geringen Verbreiterung der Deichbasis und damit zu einem größeren Eingriff in Natur und Landschaft. Die Eingriffe im Wattenmeer werden – wo möglich und angebracht – durch landseitige Verstärkung verhindert. Die Erhöhung der Deckwerksoberkante um den Klimazuschlag führt zu einer weiteren Minimierung des Eingriffes. Die zusätzlichen Kosten für die Abflachung liegen zwischen 10 und 20% einer regulären Maßnahme, das spätere Aufsetzen einer Deichkappe schätzungsweise bei lediglich 10%. Entsprechend verringern sich die Klimafolgenkosten für die nächsten Generationen, die den Klimawandel auch nicht verursacht haben.
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