Eine Auszeit auf dem Wochenmarkt

Produkte auf dem Wochenmarkt; Foto: Werbeagentur Zuckerguss Produkte auf dem Wochenmarkt

Samstagmorgen in einer Stadt in Schleswig-Holstein: Die Straßen sind ruhig und leer. Langsam und noch leicht schlaftrunken zieht die Sonne am Horizont auf. Einzig vom Marktplatz ertönen gedämpftes Klappern und plattdeutsches Stimmengewirr. Der Biobauer hat seine Tische schon aufgebaut und kommt ein bisschen ins Schwitzen, als er die schweren Kisten mit erntefrischem Gemüse aus seinem Transportwagen holt. Der Fischverkäufer stellt die Preisschilder auf. Heute ist Matjes im Angebot. Nebenan am Blumenstand fehlen nur noch die
Rosenstauden. Es dauert nicht mehr lange, dann schlendern die ersten Frühaufsteher mit einem großen Korb über das Kopfsteinpflaster. Lassen sich Möhren, Zucchini und Tomaten in dicke braune Tüten füllen, wählen zwischen weißem und grünem Spargel, stärken sich mit einer Tasse heißem Kaffee und einem Krabbenbrötchen. Anschließend probieren sie die ersten Erdbeeren aus Nordfriesland und informieren sich am Käsestand über den Reifegrad des Holtseer Tilsiters.

Was heute im Zeitalter von Supermärkten und Einkaufszentren als i-Tüpfelchen der Bedarfsdeckung gelten mag, hat seinen Ursprung im 10. bis 11. Jahrhundert. Damals lebten die meisten Menschen auf dem Land. Erst Wochenmärkte haben dazu beigetragen, dass sich langsam Städte entwickeln konnten. Sie wurden zur Lebensader für die städtische Bevölkerung. Durch sie konnten Handwerker, Kaufleute und Händler mit Lebensmitteln und Rohstoffen der Bauern versorgt werden. Der Marktplatz war das Zentrum des städtischen Lebens. Viele dieser Marktplätze existieren auch heute noch und liegen in historischen Stadtkernen, wie zum Beispiel in Lübeck oder in Eckernförde. Kennzeichnend für den Markt der damaligen Zeit war, dass gleiche bzw. ähnliche Produkte in langen Reihen an festgelegten Plätzen angeboten wurden. Noch heute weisen einige Straßennamen in schleswig-holsteinischen Städten auf die damals dort gehandelten Waren hin (z. B. Roggenmarkt, Am Seefischmarkt). Neben dem Verkauf von Lebensmitteln, Brennholz und Textilfasern eigneten sich Märkte ideal dazu, Neuigkeiten und Informationen auszutauschen. So sorgten insbesondere Quacksalber, Bader und Gaukler, die von Wochenmarkt zu Wochenmarkt reisten, für die Verbreitung von Nachrichten.

Produkte auf dem Wochenmarkt; Foto: Werbeagentur Zuckerguss Produkte auf dem Wochenmarkt

Auch heute sind Märkte ein Ort der Kommunikation. Man trifft Bekannte und Freunde, bleibt hier und da stehen und schnackt über die wichtigen und unwichtigen Dinge des Lebens. Vor allem sucht man das persönliche Gespräch zu "seinem" Markthändler, informiert sich über die Herkunft der angebotenen Produkte und deren Lagermöglichkeiten, ergattert ein neues Grünkohlrezept und erfährt, wie man den fangfrischen Dorsch am besten ausnimmt. Slowfood statt Fastfood, Bioprodukte statt abgepackter Massenware, holsteinische Äpfel statt der Variante aus Übersee. Das Bewusstsein für frische und gesunde Nahrungsmittel ist gestiegen. Marktbesucher legen Wert auf saisonale und regionale Produkte, von denen sie wissen, woher sie stammen und wie sie produziert werden. Vor allem Gemüse und Obst, aber auch Eier, Fleisch und Milchprodukte werden bevorzugt von regionalen Erzeugern gekauft. Schön, dass man damit auch hiesige Bauern unterstützen und einen Beitrag zum Umweltschutz leisten kann, indem unnötige Verpackungen und lange Transportwege von Lebensmitteln vermieden werden.

Erdig frischer Gemüse- und süßer Obstgeruch, bunte Keramikteller und farbenprächtige Frühlingsblumen, ein lautstarker, weißbärtiger Aalverkäufer und die vielen anderen Besucher machen den allwöchentlichen Bummel über den Markt zu einem kleinen Ausflug für die Sinne. Kein Pflichteinkauf mit quengelnden Kindern an der Kasse, sondern ein entspannender Erlebniseinkauf für die ganze Familie, der gleichzeitig Inspirationen zum Weiterverarbeiten der saisonalen Lebensmittel weckt. Wie wäre es zum Beispiel, Himbeeren zu Marmelade einzukochen, Pflaumen für kalte Wintertage einzuwecken und einige Portionen Spargel einzufrieren? Es gibt viele Möglichkeiten, Produkte aus der Heimat zu konservieren. Samstagnachmittag in einer kleinen Stadt in Schleswig-Holstein: Zufrieden bringt der Biobauer seine leeren Kisten ins Auto, die Blumenfrau verkauft den letzten Strauß Pfingstrosen zum halben Preis. Und Frau Hansen lädt, nachdem sie ihre Markteinkäufe im Kühlschrank verstaut hat, ihre Nachbarin zu einem Schälchen nordfriesischer Erdbeeren mit Schlagsahne ein.

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