Der Stammvater aller Kohlarten wächst – auf Helgoland!

Brassica oleracea L., Wildkohl, Klippenkohl

Wer hätte das gedacht? Kohl gehört bekanntlich zur Familie der Kreuzblütler und zwar zur selben Gattung wie Raps und Rübsen. Die kultivierten Formen, das heißt: Rot-, Weiß- und Spitzkraut, Wirsing, Markstamm-, Grün-, Rosen- und Blumenkohl sowie Brokkoli und Kohlrabi stammen jedoch letztlich von einer einzigen Urpflanze ab, die heute in Deutschland nur noch in Schleswig-Holstein zu finden ist. Genauer gesagt: auf Helgoland! Wenn der Klippenkohl, wie er auf der Insel genannt wird, blüht, dann leuchten im Frühsommer die Hänge über und über in strahlendem Gelb. Jedenfalls dort, wo die Schafe nicht hinkommen. Denn auch diesen schmeckt das Wildgemüse.

Ableitung unserer Kohlvarietäten

Alle Kohlsorten leiten sich also von den Wildsippen ab, die in den Mittelmeerländern und an der atlantischen Westküste Europas und auf Helgoland heimisch sind. Wo und wann solche Wildkohlpflanzen kultiviert worden sind, lässt sich heute nicht mehr eingrenzen. Man nimmt an, dass diese auffälligen Blattpflanzen der Felsklippen an den Meeresgestaden und im Gebirge an vielen Stellen zu verschiedenen Zeiten zunächst gepflückt und später dann in Kultur genommen worden sind. Kreuzungen zwischen Wildpflanzen und Kulturvarietäten sind grundsätzlich möglich, denn alle haben dieselbe Chromosomenzahl. Kreuzungen, Mutationen und immer wieder Kreuzungen mit den neu entstandenen Hybriden führten dann wahrscheinlich in verschiedenen Gebieten Europas zu den bekannten Kulturvarietäten. Wo genau sich das alles abgespielt haben mag – darüber gibt es allerdings nur Vermutungen. So soll zum Beispiel die graugrüne, völlig unbehaarte Oberfläche des Wildkohls von der Atlantikküste Frankreichs dieselbe sein wie die unseres Kopfkohls und Rosenkohls. Die Blattformen des Wildkohls von Südengland und Helgoland seien dagegen denen des Kohlrabi und des Brokkoli ähnlich.

Kohl – Altes Kulturgemüse aus Europa

Kohl wurde in der Menschheitsgeschichte bereits sehr früh kultiviert. Ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet, wurde die Pflanze, die besonders gut in Küstengebieten oder felsigen und feuchten Gebirgslagen gedeiht, in verschiedenen Varietäten gezüchtet. Mal wurden die Knollen besonders fleischig gezüchtet wie zum Beispiel beim Kohlrabi, mal die Blütenstände ausgebildet wie beim Brokkoli oder Blumenkohl. Erste Nennungen von Kohl stammen aus dem klassischen Altertum des Mittelmeergebietes. Aber auch in den keltischen Sprachen finden sich eigene Wortstämme für Kohl: kol oder kal, bresic und kap. Das ist enthalten in den heutigen Worten Kohl, Brassica und Kappes (Kopfkohl). In Deutschland stammen die ersten Nachrichten über Kohl erst aus dem Mittelalter, wo zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert Kohl in keinem Küchengarten fehlen durfte. Im Garten der heiligen Hildegard von Bingen zum Beispiel wird der Kohl caulis oder kappus genannt, das bedeutete beblätterte Stängelkohle oder Kohlrabi und Kopfkohl, dabei auch Rotkohl (rubae caulas). Mit dem Aufkommen der Kräuterbücher im 16. Jahrhundert wurden viele Kohlarten beschrieben und abgebildet, so auch fest geschlossener Kopfkohl oder auch locker beblätterte, hochwüchsige Kohlformen, die unserem heutigen Grünkohl ähneln. Die jüngste unserer heutigen Kohlsorten ist der Rosenkohl. Dieser erschien erstmals im Jahre 1785 in Belgien unter der Bezeichnung "Brüsseler Kohl". Die Forschung nimmt an, dass diese Varietät durch Mutation eines hochstämmigen Sprossenkohls entstanden sei.

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