Tierpark Arche Warder
Europas größter Tierpark für alte Haus- und Nutztierrassen
Angeliter, Bentheimer, Posaviner, Turopoljer, Girgentana, Poitou, Hinterwälder, Vorwerk oder Skudde sind Namen von Rassen, die überall in Europa so gut wie bereits ausgestorben sind. Überall? Nein – nicht überall! Ähnlich dem gallischen Dorf in den Asterix-Comics hat die Arche Warder nämlich ein ganz besonderes Potential, das sie entgegen aller sie umgebenden Trends und Entwicklungen verteidigt.
Und das bereits seit mehr als 20 Jahren. Trotz aller Widerstände und trotz einer drohenden Insolvenz im Jahr 2003, als der Verein Arche Warder – Zentrum für alte Haus- und Nutztierrassen e.V. und die Umweltstiftung Greenpeace den zahlungsunfähigen Tierpark Warder vor dem drohenden Aus retteten.
Der Tierpark Arche Warder, wie er von da an hieß, ist vielen Familien mit Kindern nach wie vor als lohnendes Ausflugsziel mit Streichelzoo ein Begriff. Was jedoch weniger bekannt ist: Europas größter Tierpark für seltene und vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen ist in erster Linie ein Schutzprogramm für den Erhalt der so genannten Biodiversität – sprich: der genetischen Vielfalt von Haus- und Nutztierrassen.
Wertvoller Genpool für die Land- und Ernährungswirtschaft
Die Arche dient mit ihren Beständen der Bewahrung von wichtigen Genreserven für die Land- und Ernährungswirtschaft. Der Verlust der Vielfalt könnte nämlich für die Zukunft der Welternährung katastrophale Auswirkungen haben. "Keiner kann wissen, was kommt
", so Eike Fandrey, landwirtschaftlicher Leiter des Tierparks, "Stirbt das letzte Tier einer Rasse aus, sind auch seine Gene unwiederbringlich verloren.
" Und das wollen wir um jeden Preis verhindern.
Hardy Marienfeld, staatlich geprüfter Landwirt und im Tierpark für Schafe und Ziegen zuständig, erzählt, wie er als gebürtiger Föhrer zu den alten Haustierrassen kam: "In den 80er Jahren hatten wir auf der Insel damit zu tun, dass aufgrund von Überdüngung der Böden auf einmal nur noch Weideland zur Verfügung stand, das für Hochleistungsschafe schwierig zu verwerten war. Plötzlich waren wieder alte Schafrassen gefragt, die auch mit weniger hochwertigem Weidefutter zurechtkamen.
" Seither engagiert sich Hardy Marienfeldt für den Erhalt von alten Haus- und Nutztierrassen.
Die Nachfrage bestimmt den Erhalt der Rasse
Je gefragter die alten Rassen beim Verbraucher sind, umso mehr werden sie nachgezüchtet – und umso geringer ist ihr Risiko auszusterben, so die Argumentation der Arche-Betreiber. In der Arche Warder werden Schweine, Schafe und Rinder, die nicht für die Zucht in Frage kommen, verkauft oder geschlachtet und anschließend zum Beispiel im eigenen Hofladen vermarktet.
Handwerkliche Fleischereien in der näheren Umgebung, die Lust haben neue Rezepturen auszuprobieren und bereit sind, auch mal eigene Wege zu gehen, schlachten die besonderen Tiere und machen Wurst und Schinken aus dem Fleisch. "Um alte Rassen auf Dauer erhalten zu können, müssen sie einen wirtschaftlichen Nutzen erbringen
", klärt Eike Fandrey auf. "Es sind Nutztiere, um eben nützlich zu sein.
"
Rassenvielfalt ist zukunftsträchtig
Um jedoch alte Rassen in den modernen Kreislauf der Ernährungswirtschaft wieder zu integrieren, ist es allerdings notwendig, dass nicht nur Liebhaber und Hobbyzüchter, sondern auch die Landwirtschaft sich wieder für diese Rassen zu interessieren beginnt. Rinder, Pferde, Esel, Schafe, Ziegen, Schweine und Geflügel – jede Rasse hat ihre besonderen Eigenheiten.
Das Turopoljer Schwein beispielsweise, das sogar schwimmen mag. Oder eine alte Helgoländer Schafrasse, die auch mit Seetang als Futter klar kommt – jedes Individuum nach seiner Art und Weise.
Vor den Toren Kiels leben auf rund 40 Hektar Weideland etwa 800 Tiere aus 70 Rassen, die im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte Eigenschaften entwickelt haben, die ihre jeweiligen Anpassungsstrategien an die unterschiedlichen Umweltbedingungen widerspiegeln.
Doch mit dem Erhalt und der Zucht allein ist die Arbeit der Arche-Betreiber nicht getan.
Rückwärts nach vorn – in Richtung Nachhaltigkeit
Bei den Schweinen, erzählt Eike Fandrey, sei man da schon auf einem recht guten Weg. Beim Angler Sattelschwein beispielsweise, das mittlerweile wieder kommerziell produziert wird. Oder beim Bunten Bentheimer Schwein. Dank der Kooperation mit der bundesweiten Züchtervereinigung Nordschwein e.V. sei die Fortführung des Herdbuches der vom Aussterben bedrohten Rasse gesichert.
Noch gibt es sie – die guten Raufutterverwerter sowie die an spezielle Nischenbedingungen angepassten Haustierrassen. Und die sind im Übrigen nicht nur für Nostalgiker, Öko-Idealisten und die so genannte alternative Landwirtschaft von Bedeutung. "Wie gesagt – keiner kann wissen, was kommt
", mahnt Hardy Marienfeld. Und Eike Fandrey setzt kämpferisch hinzu: "Was heißt hier denn: "alternativ"?! Es gibt nur EINE Landwirtschaft."