Flächenressourcenmanagement
Boden und Fläche stehen im Spannungsfeld verschiedenster gesellschaftlicher Interessen sozialer, wirtschaftlicher und politischer Art. Boden ist eine endliche Ressource, doch erscheint der Verbrauch dieser Ressource zur Zeit als zwangsläufige Folge jeder kommunalen Entwicklung, die nicht zu beeinflussen ist. Von einer nachhaltigen Entwicklung kann beim augenblicklichen Trend nicht gesprochen werden.
Insbesondere die Kommunen sind gefordert, diese scheinbare Zwangsläufigkeit zu durchbrechen. Sie sind es, die durch eine ökologisch nachhaltige Entwicklung im Rahmen ihrer Bauleitplanung die natürlichen Ressourcen für nachfolgende Generationen erhalten und durch ein entsprechendes Management zu einem sparsamen und schonenden Umgang mit Boden und Fläche kommen müssen.
Das Flächen- und Bodenressourcen-Management besteht aus nachfolgenden Bausteinen:
Zunahme des Flächenverbrauches durch Siedlungs- und Verkehrsflächen: Trendwende in Sicht?
Der Flächenverbrauch hält in Deutschland und auch in Schleswig-Holstein unvermindert an. Bundesweit werden zur Zeit täglich
rund 93 Hektar unverbaute Fläche - meist landwirtschaftlich genutzte Fläche -
in Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt.
Dieser anhaltende Flächenverbrauch verursacht einen meist irreversiblen Eingriff in den Boden und hat damit zur Folge, dass die natürlichen Bodenfunktionen und wichtige Lebensräume verloren gehen, die Artenvielfalt bedroht und die Landschaft zersiedelt wird.
Die für Siedlungs- und Verkehrszwecke in Anspruch genommene Fläche hat sich in Deutschland in 50 Jahren verdoppelt. Ziel der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie ist die "Reduzierung der täglichen Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche auf 30 Hektar bis zum Jahr 2020".
Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Schutz des Menschen und der Umwelt" empfiehlt in ihrem Bericht die Reduzierung der weiteren Flächeninanspruchnahme auf 12 Hektar/Tag bis 2010; andere Sachverständige wie das Wuppertal-Institut fordern sogar ein Nullwachstum bis 2010. Die Enquete-Kommission prognostiziert, dass das Bundesgebiet in rund 80 Jahren zugebaut sein wird, wenn sich der Flächenfraß so weiter entwickelt wie in den letzten Jahrzehnten.
Führt man sich die Veränderungen in unmittelbarer Umgebung vor Augen, wird deutlich, dass dort, wo noch vor Jahren Felder, Äcker und Wiesen waren, heute Supermärkte, Gewerbegebiete und neue Stadtteile entstanden sind. Beispielhaft für eine Vielzahl anderer Kommunen Schleswig-Holsteins wird das Maß der Veränderung an einem - beliebig ausgewählten - Stadtteil der Stadt Neumünster sichtbar gemacht:
Die beiden Aufnahmen wurden bei Befliegungen in einem Zeitabstand von 20 Jahren gemacht. Das obere Luftbild wurde im April 1981, das untere Luftbild im Mai 2001 aufgenommen. Der Zuwachs an Siedlungs- und Verkehrsfläche in einem mit 20 Jahren recht überschaubaren Zeitraum ist besonders deutlich im linken Bildbereich zu sehen.
Auszug aus der schleswig-holsteinischen Luftbildbefliegung
In der gesellschaftspolitischen Diskussion besteht kein Zweifel mehr, dass eine derartige Entwicklung dauerhaft nicht umweltverträglich sein kann.
Eine nennenswerte Reduzierung des Flächenverbrauches kann nur mit einem Bündel ganz unterschiedlicher Maßnahmen rechtlicher, fachtechnischer und auch ökonomischer Art erreicht werden.
Die aktuelle Diskussion der Maßnahmen ist ausführlich unter www.nachhaltigkeitsrat.de dokumentiert.
Welche Ursachen hat der Flächenverbrauch?
Ein wesentlicher Grund für den ungehemmten Flächenverbrauch ist im zunehmenden Wohlstand zu sehen. Steigende Flächenansprüche im Wohnungsbau, mit dem nach wie vor bestehenden Idealbild vom Eigenheim im Grünen als Symbol größtmöglichster Selbstbestimmung, und für Verkehrszwecke, die Trennung von Wohnen und Arbeiten, der damit verbundene Individualverkehr mit immer größer werdenden Pendlerdistanzen sowie die allgemein steigende Dominanz des Autoverkehrs begünstigen wiederum die Stadtrandwanderung. Auch der starke Standortwettbewerb von Kommunen um die Ansiedlung von Industrie, Gewerbe und Wohnen begünstigt den Flächenverbrauch - dabei ist man auf kommunaler Seite in der Regel bemüht, potentielle Ansiedelungen nicht durch hohe Bodenpreise („Boden günstiger als Teppichboden“) oder bauliche Restriktionen zu erschweren. Die Förderpolitik hat in der Vergangenheit den Flächenverbrauch häufig genug noch subventioniert.
Der Verlust von offener Landschaft außerhalb menschlicher Siedlungen war in den letzten 50 Jahren so groß wie nie zuvor in der Siedlungsgeschichte Deutschlands. Dabei hat sich der Flächenverbrauch längst von der Bevölkerungsentwicklung abgekoppelt. Die Bevölkerung verteilt sich auf immer größere Siedlungsfläche: standen jeder Bewohnerin und jedem Bewohner 1950 im früheren Bundesgebiet 350 Quadratmeter Siedlungsfläche zur Verfügung, waren es 1997 bereits 500 Quadratmeter. Die bisherige Entwicklung wird im übrigen von einem sehr geringen Bewusstsein für die Ressource Boden geprägt.
Zahlen zum Flächenverbrauch:
Die Daten zur Siedlungs- und Verkehrsfläche in Schleswig-Holstein werden vom Statistischen Landesamt auf Grundlage der Angaben des Liegenschaftskatasters erhoben.
Die Siedlungs- und Verkehrsfläche umfasst die Nutzungsarten:
- Gebäude- und Freifläche
- Betriebsfläche ohne Abbauland
- Erholungsfläche
- Verkehrsfläche
- Friedhofsfläche
Die Siedlungs- und Verkehrsfläche ist keineswegs mit versiegelten Flächen gleichzusetzen. Der Versiegelungsanteil liegt bei Siedlungsflächen bei schätzungsweise 50 Prozent, bei Verkehrsflächen bei rund 27 Prozent.
Nach jüngsten Erhebungen liegt Schleswig-Holstein als nach wie vor landwirtschaftlich geprägtes Flächenland mit einem Anteil an Siedlungs- und Verkehrsfläche von 11,2 Prozent erwartungsgemäß leicht unter dem Bundesdurchschnitt mit 12,3 Prozent, aber noch vor Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern mit 6,7 und Bayern mit 9,8 Prozent. Die tägliche Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche betrug in Schleswig-Holstein im Durchschnitt von 1997 bis 2000 rund 4 Hektar und war im Vergleich zu den Vorjahren damit ansteigend.
Im Erhebungszeitraum zwischen den Stichtagen der Flächenerhebung 31.12.1996 und 31.12.2000 hat sich die Bodennutzung in Schleswig-Holstein täglich wie folgt geändert:
Bei ungebrochener Fortsetzung der Entwicklung wird der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche laut Prognose des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung bundesweit bis 2010 auf rund 13,4 Prozent anwachsen. Auch für weite Teile Schleswig-Holsteins werden deutliche Zuwächse prognostiziert.
Einen Überblick über den aktuellen Stand der einzelnen Nutzungsarten, die in die Größe „Siedlungs- und Verkehrsfläche“ einfließen, gibt die nachfolgende Tabelle (Quelle der Daten: Statistisches Landesamt S-H, 2001).
Tabelle 1
Darüber hinaus wurden auf Grundlage der vorgenannten Erhebungen flächenrelevante Daten zur Siedlungs- und Verkehrsfläche auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städte ermittelt und zusammengestellt.
Tab2_pdf
Diese Daten geben Auskunft über
- den aktuellen Zustand der Flächeninanspruchnahme,
- die Flächeneffizienz
- und die Zuwachsraten von 1988 bis 2000.
1988 wurde als Ausgangsjahr der Veränderungen gewählt, weil der Begriff „Siedlungsfläche“ 1988 durch die „Siedlungs- und Verkehrsfläche“ ersetzt wurde und damit ein Vergleich mit den zuvor erhobenen Daten nur eingeschränkt möglich ist.
Mit 631 Quadratmetern Siedlungs- und Verkehrsfläche pro Einwohner liegt Schleswig-Holstein recht deutlich über dem Bundesdurchschnitt.
Weitere detaillierte Daten zu Nutzungsarten der Bodenflächen (Quelle: Statistisches Landesamt Schleswig-Holstein, 2001) dokumentieren die Entwicklung der Siedlungs- und Verkehrsfläche in Schleswig-Holstein von 1989 bis 2001 (Tabelle 1) und geben den aktuellen Stand für alle statistisch erfassten Nutzungsarten im Einzelnen wieder (Tabelle 2).
Tabelle 3
Nachhaltige Flächennutzung in Schleswig-Holstein:
Ein Lösungskonzept zur Verminderung des Flächenverbrauches ist die konsequente Umsetzung eines verantwortungsbewußt und sparsam haushaltenden Flächenressourcen-Managements. Das Ziel kann nur als Querschnittsaufgabe (Umwelt, Landesplanung, Wirtschaft, Städtebau) mit Schwerpunkt in den Kommunen erreicht werden.
Die Schleswig-Holsteinische Landesregierung hat das Problem erkannt und gehandelt: ihr umweltpolitische Langfristziel ist, die Zunahme des Verbrauchs von Siedlungs- und Verkehrsfläche bis 2010 durch rationelle Flächennutzung, Flächenrecycling und Wiedernutzbarmachung belasteter Flächen erheblich zu reduzieren.
Instrument Flächenkataster:
Die Nutzung vorhandener Flächenpotenziale setzt ihre Kenntnis voraus. Zur Zeit verfügen die Kommunen noch nicht über eine systematische Inventarisierung ihrer Flächen als Bestandsaufnahme und Planungsgrundlage. Daher hat das Umweltministerium ein Konzept für ein modellhaftes Flächenkataster als Instrument eines kommunalen Flächenmanagements erarbeiten lassen. Ziel ist es, das Flächenpotenzial der schätzungsweise rund 17.000 Altstandorte in Schleswig-Holstein, aber auch anderer ungenutzter Brachen oder mindergenutzter Flächen in das Augenmerk der Kommunen, Planer und Investoren zu bringen. Revitalisierungen spielen über vorbildhafte Ausnahmen (etwa das Hörnprojekt in Kiel) hinaus derzeit noch keine maßgebliche Rolle. Insbesondere Altstandorte blieben bislang aufgrund der oft nur vermuteten Altlastenproblematik planerisch unbeachtet. Und in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein stehen immer noch ausreichende Flächen zur Verfügung, so dass nach wie vor auf die „Grüne Wiese“ zurückgegriffen wird.
Das Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung schätzt die Wiedernutzungspotenziale wie folgt ein:
Eignung der Wiedernutzungspotenziale
Best Practice
Nichts überzeugt mehr als ein gutes Beispiel. Und dass Flächenrecycling gelingen kann, demonstriert das Beispiel „Kai-City Kiel“ in der Landeshauptstadt Kiel. Dieses Beispiel zeigt jedoch auch, dass die Kommunen heute auf kurzfristige unternehmerische Entscheidungen reagieren müssen. Der Verbleib von Industrie- und Gewerbebetrieben über sehr lange Zeit an einem Standort, wie es in der Vergangenheit durchaus üblich war, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Da ist es um so wichtiger, Flächenpotenziale durch ein kommunales Flächenmanagement im Blick zu behalten.
Beispiel "Kai-City Kiel"