Verflechtungen mit Russland
Obwohl in Größe, Kultur und Ausstrahlung sehr verschieden, besitzen das heutige Bundesland Schleswig-Holstein und die östliche Großmacht Russland mannigfaltige historische Berührungspunkte. So wurde zum Beispiel Zar Peter III. in Schleswig-Holstein geboren.
Hansekogge "Lisa von Lübeck"
© M. Ruff/grafikfoto.de
Schleswig-Holstein und Russland verbindet mehr als der Themenschwerpunkt des Schleswig-Holstein Musik Festivals 2008. Es waren die Schiffe der Hanse, die zuerst regelmäßig den langen Weg nach Russland wagten und von dort wertvolle Waren zurückbrachten. Doch auch die holsteinischen Fürsten erhofften sich viel vom Zarenreich und betrieben eine kluge Heiratspolitik. So führen die Wurzeln von Zar Peter III. und seiner berühmten Gattin, Katharina der Großen, nach Schleswig-Holstein.
Handelsbeziehungen
Bereits im Mittelalter stand die Hansestadt Lübeck in äußerst regem Handelskontakt mit dem Nordwesten Russlands, insbesondere mit Nowgorod. Textilartikel, Lebensmittel und Metallwaren importierte die Korporation der Lübecker Nowgorodfahrer. Pelze, Wachs und andere Rohstoffe brachte sie im Gegenzug auf den westeuropäischen Markt. In zeitgenössischen Quellen heißt es, der Russlandhandel sei der "Brunnquell hansischen Wohlstandes".
Über die Handelsbeziehungen entstanden persönliche Kontakte. Lübeck als "Haupt der Hanse" trug nicht wenig dazu bei, derartige Annäherungen zu intensivieren: Sprachschüler erlernten an den Höfen einheimischer Adliger das Russische, hansische Gesandtschaften bemühten sich um einen reibungslosen Warenaustausch, Fachleute brachten technische Neuerungen nach Russland und wirkten dort über Jahre etwa als Ärzte, Übersetzer oder Buchdrucker. Nachdem Moskau Mitte des 15. Jahrhunderts zum Zentrum der russischen Herrschaft geworden war, konzentrierten sich die handelspolitischen Aktivitäten der Lübecker mit beachtlichem Erfolg auf die neue Metropole. Noch gegen Ende des 17. Jahrhunderts wies der Lübecker Russlandhandel erhebliche Steigerungsraten auf.
Kulturelle Wechselwirkungen
Audienz der holsteinischen Gesandtschaft bei Zar Michail Fjodorowitsch Romanow (1634)
Eckhard Hübner : Ferne Nähe - Die Beziehungen zwischen Schleswig-Holstein und Russland in Mittelalter und Neuzeit
Allerdings erwuchs den Lübeckern nun ein Konkurrent in unmittelbarer Nähe: Auch der holsteinische Herzog Friedrich III. wollte vom prosperierenden Fernhandel profitieren und qualitativ hochwertige Waren (vor allem Seide) aus Persien über Russland nach Kiel transportieren lassen, um sie dann über Friedrichstadt auf den westeuropäischen Markt zu bringen. Eine Gesandtschaft des Herzogs nach Moskau und Isfahan (1636) sollte dafür die Voraussetzungen schaffen. Das Fernhandelsprojekt endete zwar in einem Fiasko, doch ein mittelbares Resultat hat bis auf den heutigen Tag seinen Wert behalten: Der Reisebericht des Gesandtschaftssekretärs Adam Olearius. In seinem vielfach aufgelegten Werk schilderte er die Lebensumstände der russischen Bevölkerung, die Beschaffenheit des Landes, dessen Geschichte und Verfassung sowie viele weitere Details.
Dynastiepolitik
Das 18. Jahrhundert bildete den Höhepunkt in den Beziehungen zwischen Schleswig-Holstein und Russland. Bereits während des Nordischen Krieges (1700 - 1721) weilte Zar Peter der Große 1713 in den Herzogtümern. Und als das kleine Fürstentum Holstein-Gottorf seine Existenz durch Dänemark bedroht sah, avancierte das Russische Reich zu dessen Schutzmacht. Peter der Große hoffte, dadurch seine ambitionierte Ostseeraumpolitik vorantreiben zu können, während die holsteinische Führung die Rückgewinnung der an Dänemark verlorenen Gebiete im Herzogtum Schleswig erwartete.
Zur Sicherung dauerhaft freundschaftlicher Beziehungen stimmte der Zar der Heirat (1725) seiner Tochter Anna mit dem holsteinischen Herzog Karl Friedrich zu. Für kurze Zeit (1725 - 1727) ließ sich die russische Außenpolitik für holsteinische Interessen instrumentalisieren. Nach einem Thronwechsel allerdings mussten Anna und Karl Friedrich Russland verlassen und sich in die holsteinische Residenzstadt Kiel begeben, wo Anna im Februar 1728 einen Sohn namens Karl Peter Ulrich gebar. Dieser wurde 1742 von seiner Tante, der Zarin Elisabeth, nach Russland geholt und dort zum Thronfolger ernannt. Nachdem er 1762 als Peter III. den Zarenthron bestiegen hatte, trug die bis 1917 in Russland herrschende Dynastie den Namen Romanow-Holstein-Gottorf.
Eines der wenigen Gemälde, auf denen der spätere Zar Peter III. und die spätere Zarin Katharia II. gemeinsam dargestellt sind
Eckhard Hübner: Ferne Nähe
Zar Peter III.
In seiner nur halbjährigen, innenpolitisch durchaus innovativen Regierungszeit konfrontierte Peter III. Dänemark mit seiner Forderung, die 1721 vom Kopenhagener Hof annektierten holsteinischen Besitzungen im Herzogtum Schleswig zurückzuerstatten. Erneut sollte also die russische Außenpolitik in holsteinische Dienste gestellt werden. Eine Palastrevolution indes verhinderte einen drohenden russisch-dänischen Krieg. Die neue Zarin Katharina II. (ihr Gatte, Peter III., wurde einige Tage nach seiner Absetzung ermordet), die mütterlicherseits ebenfalls dem Haus Schleswig-Holstein-Gottorf entstammte, beendete den Konflikt mit Dänemark und ließ ihren Sohn Paul 1773 sein holsteinisches Erbe an Dänemark abtreten. Die ihm dänischerseits als Äquivalent übergebenen Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst reichte Paul an einen nahen Verwandten, den Fürstbischof von Lübeck, weiter. Dieser wiederum profitierte ebenso wie seine Nachfahren im ausgehenden 18. wie im 19. Jahrhundert wiederholt von der engen dynastischen Beziehung zum Haus Romanow-Holstein-Gottorf.
Eckhard Hübner
(Dr. Eckhard Hübner ist Historiker an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und unter anderem Autor des Buchs "Ferne Nähe. Die Beziehungen zwischen Schleswig-Holstein und Russland in Mittelalter und Neuzeit" Boyens Buchverlag, 2004)
Weitere Informationen
Schleswig-Holsteins Kluge Köpfe: Adam Olearius
Kulturportal: Schleswig-Holstein-Musikfestival
Weiterführende Links
Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte
nach oben