Energiekonzept für Schleswig-Holstein
Klimafreundlich, wirtschaftlich, stabil: Das Land hat im Frühjahr 2010 ein neues Energiekonzept verabschiedet. "Investitionen in eine moderne Energie-Versorgung haben in Schleswig-Holstein Vorfahrt
", sagte Wirtschaftsminister de Jager bei der Vorstellung des Konzeptes in Kiel.
Die Energieversorgung der Haushalte und Unternehmen in Schleswig-Holstein soll in Zukunft gleichermaßen zuverlässig, klimafreundlich und bezahlbar sein. Auf diese drei Eckpfeiler stützt sich das Ende März, von der Kieler Landesregierung verabschiedete Konzept "Energiepolitik für Schleswig-Holstein". Wie Wirtschaftsminister Jost de Jager nach der Kabinettssitzung sagte, sei damit der energiepolitische Kurs des Landes für die kommenden zehn Jahre abgesteckt. Hintergrund ist das von der EU fixierte mittelfristige Klima-Ziel, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent zu reduzieren. Die Bundesregierung will die Treibhausgase mittelfristig sogar um 40 Prozent drosseln.
100 Prozent aus regenerativen Energien
"Heute sind Kernkraft, Öl und Kohle noch unsere größten Energiefelder. Die Politik der Landesregierung ist aber eindeutig darauf ausgerichtet, bis 2020 entsprechend 100 Prozent des schleswig-holsteinischen Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien zu erreichen. Wenn der Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein allerdings weiterhin seine Aufgabe als Energie-Exportland wahrnehmen will, dann werden wir zugleich aber auch in moderne konventionelle Kraftwerke investieren müssen
", sagte de Jager. Herausforderung für die kommenden Jahre sei vor allem, das Haus auch in der Umbauphase bewohnbar und wirtschaftlich zu halten. "Denn bezahlbare Energiepreise sind neben innovativen Köpfen unser wichtigster Standortfaktor
", so de Jager. Neben dem Ausbau der Erneuerbaren Energien stehen sechs weitere Ziele im Mittelpunkt der Energie-Strategie:
- Energie-Einsparungen und Effizienzsteigerungen
- Förderung eines ausgewogenen und preisdämpfenden Energiemix
- Rascher Ausbau leistungsstarker Netze
- Förderung des Wettbewerbs auf den Energiemärkten
- Sicherung der Energieversorgung durch zuverlässige Energieaufsicht
- Entwicklung innovativer Technologien im Energiesektor
Schwerpunkt Windenergie
Nach den Worten von de Jager sei im Bereich der Erneuerbaren Energien vor allem der Ausbau der Windenergie ein politischer Schwerpunkt der kommenden Jahre. Schleswig-Holstein werde seine Position als Stromexportland – zwei Drittel des hier erzeugten Stroms werden exportiert – ebenso ausbauen wie seine Rolle als wichtigstes Windenergie-Land in Deutschland. "Im Jahr 2020 werden wir deutlich mehr Strom aus Wind erzeugen, als wir selbst verbrauchen
." Das so genannte Repowering – also der Austausch der derzeit rund 2.600 Windräder durch weniger, aber dafür stärkere Anlagen – werde bis dahin weit vorangeschritten sein, ebenso wie die Windernte durch Offshore-Anlagen in Nord- und Ostsee. Auch der großen Vision von einem europäischen Supergrit – einem rund 6.000 Kilometer langen Stromkabel in der Nordsee – werde man ein großes Stück näher kommen und Schleswig-Holstein von diesem Großprojekt profitieren.
Mehr Arbeitsplätze
Die im Koalitionsvertrag beschlossene Ausdehnung der Wind-Eignungsflächen an Land von derzeit einem Prozent begrüßt der Minister. So würde sich laut de Jager die Landwindkapazität nach einmaligem Repowering beispielsweise bei einer Belegung von etwa 1,3 Prozent von derzeit 2.700 Megawatt im Jahre 2020 auf rund 6.500 Megawatt erhöhen. "Mit diesem Sprung dürfte auch ein erheblicher Anstieg der Zahl der Arbeitsplätze in dieser Zukunftsbranche verbunden sein. Zielmarke ist eine Arbeitsplatz-Zahl von über 10.000
", so der Minister.
Nahrungmittel vor Energiepflanzen
Mit Blick auf die Potenziale von Biomasse stellte der Minister klar, dass für die Landesregierung die Erzeugung von Nahrungsmitteln Vorrang vor der Energiepflanzen-Produktion habe. Für den Anbau von Energiepflanzen sollen künftig die gleichen rechtlichen Vorgaben gelten wie für die Erzeugung von Nahrungs- und Futterpflanzen. Die energetische Nutzung von Reststoffen wie Gülle, Grasschnitt oder Knickholz habe eindeutigen Vorrang vor der Nutzung von Energiepflanzen. Bei der energetischen Biomassenutzung setzt das Land vorrangig auf die Technik der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) und will bis zum Jahr 2020 den KWK-Anteil am Stromverbrauch in Schleswig-Holstein auf 25 Prozent anheben. Zur Erprobung der KWK und zur Entwicklung kommunaler Energiekonzepte wird das Land eine Modellregion auswählen und fördern.
Gerechte Vergütung
Wie de Jager weiter sagte, räumt die Landesregierung der Solarthermie zur Erwärmung von Brauchwasser, zur Heizungs-Unterstützung und zur Erzeugung so genannter Prozesswärme im gewerblichen Sektor klare Priorität vor der Photovoltaik ein. In diesem Zusammenhang begrüßte er die Initiative der Bundesregierung für eine einmalige Absenkung der Photovoltaik-Vergütungssätze: "Die bisherige Vergütungspolitik lenkt die Investitionen in die Photovoltaik, obwohl das Geld im Bereich Windkraft oder Biomasse zu erheblich besseren Klimaschutz-Effekten führen würde
." Die Windernte sei im Vergleich zur Sonnenernte im Norden dreimal so hoch, trotzdem werde die Photovoltaik viermal so hoch vergütet. "Das ist eine nahezu zwölffache Übervorteilung der Photovoltaik – darum werden wir die großen Freiflächenanlagen begrenzen
", so der Minister.
Erdwärme nutzen
Klaren Vorrang vor der Photovoltaik räumt die Landesregierung in ihrem Energiekonzept auch der oberflächennahen Erschließung der Geothermie ein. "Wir wollen sowohl eine stärkere gewerbliche Nutzung der Erdwärme durch unsere Unternehmen als auch durch unsere Hausbesitzer erreichen
", sagte de Jager. Die zur Sicherstellung der so genannten Grundlast geeignete Tiefengeothermie werde dagegen auf geologisch geeignete Vorranggebiete beschränkt.
Keine CO2-Einlagerung
Trotz des massiven Ausbaus der Erneuerbaren Energien stellte de Jager klar, dass ein vollständiger Ersatz für konventionelle Energieträger bis 2020 keinesfalls erreicht werden könne. Bei der anstehenden Erneuerung des deutschen Kraftwerksparks sei deshalb auch der Bau von Kohlekraftwerken zur Sicherung der Grundlast vorerst unverzichtbar – und biete dem Energiestandort Brunsbüttel die Chance auf eine Milliarden-Investition mit mehreren hundert Dauer-Arbeitsplätzen. Der Minister machte in diesem Zusammenhang erneut deutlich, dass die Landesregierung eine CO2-Einlagerung in Schleswig- Holstein ablehne und im Bundesrat dafür votieren werde, dass die Länder selbst über die unterirdische Speicherung von CO2 auf ihrem Gebiet entscheiden können.
Kernenergie als Brückentechnologie vorerst unverzichtbar
Auch die Kernenergie ist als Brückentechnologie aus Sicht der Landesregierung vorerst unverzichtbar und stelle mit einer Jahresproduktion seiner drei Kraftwerke in Krümmel, Brokdorf und Brunsbüttel in Höhe von insgesamt 25 Terrawattstunden einen erheblichen Wirtschaftsfaktor dar. "Gemeinsam mit der Ölförderung in Schleswig-Holstein erwirtschaftet dieser Zweig weit über zwei Milliarden Euro im Jahr, was einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von fast 3,5 Prozent entspricht
", so de Jager.
Für eine Übertragung von Reststrommengen
In ihrem Energiekonzept spricht sich die Landesregierung dafür aus, Reststrommengen von älteren auf jüngere Kernkraftwerke zu übertragen. De Jager: "Das bedeutet, dass es für die neueren Kraftwerke eine Restlaufzeitverlängerung über das derzeit im Atomgesetz fixierte Maß hinaus geben kann
." Dies werde jedoch an eine Vereinbarung mit der Stromwirtschaft gekoppelt, eine Abschöpfung der zu erwartenden zusätzlichen Stromerlöse auszuhandeln. Dabei sollten die Länder mit Kraftwerks-Standorten von den abgeschöpften Mitteln vorrangig partizipieren. "Wir in Schleswig-Holstein werden diese Mittel in den schnellen Umbau unserer Energie-Landschaft investieren, damit die Erneuerbaren Energien wie Wind und Biomasse schnell Raum greifen, aber wir werden dieses Geld auch in intelligente Speicher-, Transport- und Leitungstechnologien stecken
", sagte de Jager. Er erinnerte in diesem Zusammenhang allerdings auch daran, dass Schleswig- Holstein hinsichtlich des Atomgesetzes keinerlei Regelungskompetenz besitze.
Das Energiekonzept zum Herunterladen:
Energiepolitik für Schleswig-Holstein (PDF, 200 KB, Datei ist nicht barrierefrei)
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