Informationen über Zwangsheirat für Lehrkräfte
.Auch in Schleswig-Holstein gibt es Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, die von Zwangsheirat bedroht oder betroffen sind. Sie stammen vorwiegend aus einem religiös-verwurzelten Milieu, das in den Traditionen seiner Herkunftsregionen verhaftet ist. Eine patriarchale Rollen- und Aufgabenverteilung, eine geringe Integrationsneigung und ein niedriges Bildungsniveau gehen regelmäßig damit einher.
Für Jungen und junge Männer sind die Folgen einer Zwangsverheiratung weniger einschränkend als für Mädchen oder junge Frauen, da ihr Bewegungsspielraum sich durch eine Heirat kaum verändert. Mädchen hingegen dürfen nach einer erzwungenen Heirat oder einem Heiratsversprechen ihr Leben häufig nicht mehr selbstbestimmt gestalten und planen. Manchmal werden sie überwacht und dadurch gedemütigt. Nicht immer dürfen sie ihre Freundschaften nach eigenen Vorstellungen pflegen, ausgehen oder ihren Kleidungsstil selbst festlegen. Außerdem werden Frauen in jüngerem Alter verheiratet als Männer und haben dadurch weniger Chancen, die Schule oder ihre Ausbildung abzuschließen oder sich in einem Beruf zu etablieren.
Welche Formen von Zwangsheirat gibt es?
Zwangsheirat tritt in unterschiedlichen Formen auf: So können beispielsweise in Deutschland lebende junge Frauen im Heimatland der Familie verheiratet werden. Sie leben dann gegen ihren Willen im Ausland. Oder junge Mädchen werden in Deutschland unter Zwang mit einem Mann aus dem gleichen Kulturkreis verheiratet oder diesem versprochen. Die Eheschließung erfolgt entweder nur religiös durch einen Imam oder auch standesamtlich. Beide Formen der Eheschließung sind bindend. Selbst ein nicht eingehaltenes Eheversprechen geht mit dem Verlust der Familienehre einher.
In einer besonders schwachen Position befinden sich so genannte Importbräute, junge Mädchen, die aus dem Heimatland des Bräutigams zur Heirat nach Deutschland geholt werden. Sie verfügen oftmals über keine oder nur geringe Sprachkenntnisse.
Was sind die Gründe für Zwangsheirat?
Die Gründe für Zwangsheiraten sind vielfältig: An die Eltern der Braut wird Brautgeld gezahlt. Aber auch die Angst vor „Verwestlichung“ der Mädchen oder der Wunsch nach einem Aufenthaltstitel für Deutschland können einen Grund darstellen.
Worauf sollten Lehrer und Lehrerinnen achten?
Zwangsverheiratung ist nicht die einzige Beschränkung, die Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund erleben können. Weitaus häufiger werden sie in ihrer Lebensgestaltung oder -planung eingeschränkt und erleben körperliche oder psychische Gewalt. Mädchen können beispielsweise gezwungen werden, ihre Kontakte zu deutschen Freundinnen und Freunden abzubrechen, sie dürfen nicht mehr an Klassenfahrten und - ausflügen teilnehmen oder sich nicht mehr nach eigenen Wünschen kleiden. Eine bevorstehende erzwungene Heirat kann auch dadurch augenfällig werden, dass Mädchen mit Migrationshintergrund vor den Sommerferien berichten, einen längeren Urlaub im Heimatland ihrer Eltern zu verbringen ohne zu wissen, ob sie zurückkommen.
Von Begrenzungen in ihrer individuellen Lebensgestaltung können auch Schülerinnen mit Migrationshintergrund betroffen sein, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, fließend Deutsch sprechen und hier von Beginn an zur Schule gehen.
Wie können Lehrkräfte Schülerinnen unterstützen?
Häufig ist die Schule der einzige Ort, an dem sich Mädchen unbeobachtet aufhalten dürfen. Deshalb können vor allem Lehrer und Lehrerinnen, wenn sie Verhaltensänderungen bei Schülerinnen mit Migrationshintergrund wahrnehmen, diese darauf ansprechen und sie darin unterstützen, die eigene Lebensplanung weiter zu verfolgen.
Dazu können sich Lehrkräfte im Hilfsleitfaden von Terre des Femmes „Im Namen der Ehre misshandelt, zwangsverheiratet, ermordet“ unter www.frauenrechte.de informieren und orientieren, welche Hilfen möglich sind. Es werden dort Präventionsmöglichkeiten dargestellt sowie konkrete Hilfen für Notfälle, beispielsweise eine drohende Verschleppung ins Ausland, aufgezeigt.
Lehrkräfte können betroffene Mädchen und Jungen ansprechen und sie auf die Online-Beratung zum Schutz vor Zwangsheirat des Mädchenhauses Bielefeld hinweisen. Über die Internetseite www.zwangsheirat-nrw.de können junge Menschen dort anonym und kostenlos Ratschläge und Hilfen bei drohender Zwangsverheiratung erhalten. Sie können auf Türkisch, Kurdisch, Deutsch, Arabisch oder Albanisch per Mail oder Telefon alle Fragen zum Thema „Zwangsheirat“ stellen.
Bevor eine Lehrkraft eigenständig Kontakt zu der Familie der Schülerin aufnimmt, sollte sie sich zunächst bei der Frauenhelpline Schleswig-Holstein oder beim Mädchenhaus Lotta (Tel 0431 8058881) beraten lassen. Die Helpline ist unter der Telefonnummer 0700 999 11 444 täglich von 15:00 bis 01:00 Uhr, sowie an Wochenenden und Feiertagen von 10:00 bis 01:00 Uhr erreichbar.
Lehrer und Lehrerinnen, die eine Unterrichtseinheit über Zwangsheirat anbieten wollen, können Unterrichtsmaterialien unter www.frauenrechte.de online bestellen. Unter anderem bietet Terre des Femmes eine Unterrichtsmappe mit Unterrichtsmaterialien für 13,- € an. Ausschnitte aus der Mappe können hier eingesehen werden. Weitere Informationen auch auf der Seite www.zwangsheirat.de.
„Die Petze“ in Kiel hat eine Ausstellung zur Gewaltprävention für die 5. -8. Klasse entwickelt. „Echt fair“ informiert unter anderem auch über Zwangsheirat. Weitergehende Informationen zur Ausstellung sind unter www.petze-kiel.de/fair.htm zu finden.