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Impfen - Schützen Sie sich, Ihre Liebsten und Ihre Nächsten

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Interview Impfaktionswoche „Influenza 2017“

Experten erklären, wie wichtig Impfungen für den Einzelnen und die Gesellschaft im Kampf gegen Infektionskrankheiten sind…

Schutzwall aus Steinen am Strand, Welle schlägt dagegen ©blende40_fotolia.com


Impfungen gehören zu den wirksamsten und wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen der Medizin. Übertragbare Infektionskrankheiten treten seltener auf, so dass schwere Krankheitsverläufe oder sogar der Tod verhindert werden. Selbst die Ausrottung von bestimmten Krankheitserregern ist mit konsequentem Impfen möglich. Das UKSH macht mit Aktionstagen auf das Thema aufmerksam und bietet seinen Mitarbeitern das ganze Jahr hindurch Impfungen an

Im Interview erklären Dr. Anne Marcic, Referentin für Infektionsschutz des Landes Schleswig-Holstein, Dr. Bärbel Christiansen, Leiterin der Zentralen Einheit Einrichtung Interne Krankenhaushygiene des UKSH und Rolf Hartmann, Leiter des Betriebsärztlichen Dienstes am UKSH, wie wichtig Impfungen für den Einzelnen und die Gesellschaft im Kampf gegen Infektionskrankheiten sind.

Viele Experten warnen von einer Impfmüdigkeit in Deutschland. Ist das ein Problem?

Dr. Marcic: In bestimmten Altersgruppen ist die Inanspruchnahme von Impfungen tatsächlich nicht so, wie sie sein sollte. Allerdings halte ich den Ausdruck Impfmüdigkeit nicht für treffend. Es ist wohl eher eine Impfvergesslichkeit, denn es wird entweder nicht an die Impfung gedacht oder die hohe Bedeutung der Impfung ist den Betroffenen nicht bewusst.

Dr. Christiansen: Eine weitere Rolle spielt auch die Fehlinformation zum Thema Impfen – leider auch bei medizinischem Personal, das eigentlich wissen sollte, wie wirksam und wichtig Impfungen sind.

Rolf Hartmann: Eine wichtige Informationsquelle stellt für viele das Internet dar. Insbesondere beim Thema Impfen finden sich dort leider Unmengen an nachweislich falschen Informationen, welche die Menschen verunsichern. Die daraus resultierende Impfunwilligkeit ist in der Tat ein Problem für die Bekämpfung bestimmter Infektionskrankheiten wie Masern oder Röteln.

Dr. Marcic: Um diese Erkrankungen zu eliminieren, benötigen wir je nach Erreger Impfraten von über 80 bis 95 Prozent der Bevölkerung, die wir leider nicht in allen Altersgruppen erreichen. In der Vergangenheit konnten z.B. die Pocken weltweit ausgerottet werden und seit 2002 ist Europa frei von Kinderlähmung. Bei Masern ist dieses Ziel leider noch nicht erreicht. Menschen, die nicht geimpft sind, gefährden nicht nur sich selbst, sondern auch andere, da sie die Krankheiten weiterverbreiten können und so Infektionsketten bzw. Ausbruchsgeschehen entstehen.

Dr. Christiansen: Daher tragen Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind, eine besondere Verantwortung. Sind sie nicht geimpft, gefährden sie sich selbst, Patienten, Kollegen, aber auch die eigene Familie, die eigenen Kinder und Freunde. Es ist etwas in Vergessenheit geraten, dass beispielsweise Masern sehr schwere Krankheitsverläufe haben können.

Wäre eine Impfpflicht die Lösung?

Dr. Marcic: Eine allgemeine Impfpflicht ist keine Lösung, denn das Recht auf Selbstbestimmung ist ein sehr hohes Gut. Würden wir dies durch eine Impfpflicht beschneiden, würden die Widerstände vermutlich eher zu- als abnehmen. Dies würde der Gesamtidee eher schaden. Schon jetzt ist aber im Infektionsschutzgesetz geregelt, dass Arbeitgeber im Gesundheitswesen den Impfstatus und Serostatus ihrer Mitarbeiter erheben und nutzen dürfen, um „über die Art und Weise der Beschäftigung“ zu entscheiden, also darüber, wer in welchen Bereichen der medizinischen Einrichtung eingesetzt werden kann. Zudem sollte medizinisches Personal ein möglichst niedrigschwelliges Impfangebot erhalten, um die Inanspruchnahme zu erleichtern und einen bestmöglichen Schutz für Patienten und Mitarbeiter zu erreichen.

Dr. Christiansen: Das UKSH hat bereits vor Inkrafttreten dieser Vorgaben ein Angebot geschaffen, wodurch sich Mitarbeiter nicht nur jährlich gegen Grippe, sondern auch gegen alle anderen relevanten Erkrankungen impfen lassen können. Durch unsere Impfaktionstage in jedem Herbst gehen wir direkt auf die Mitarbeiter zu und bemühen uns, möglichst umfassend zu informieren.

Darüber hinaus strebt das UKSH an, dass in besonders sensiblen Bereichen nur umfassend immunisiertes Personal eingesetzt wird bzw. Mitarbeiter, die dort arbeiten möchten, entsprechende Impfungen erhalten. In dieser Hinsicht wollen wir in Zukunft noch konsequenter agieren, da Patienten mit Masern-, Mumps- und Windpocken-Erkrankungen in den vergangenen Jahren wieder häufiger im UKSH behandelt wurden.

Dr. Marcic: Die Vorgehensweise des UKSH, seinen Mitarbeitern ein solch umfangreiches Impfangebot zur Verfügung zu stellen, ist wirklich vorbildlich. Ich würde mir wünschen, dass andere Krankenhäuser diesem guten Beispiel folgen.

Immer wieder machen Berichte über Impfschäden die Runde. Wie sind die einzuordnen?

Hartmann: Dazu muss man deutlich festhalten, dass es sich zu einem Großteil um völlig unhaltbare Aussagen handelt. Ich bin seit fast 20 Jahren in der Arbeitsmedizin tätig und Impfen zählt zu den Kernaufgaben eines Betriebsarztes. Ich habe z.B. für Influenza noch nie ernsthafte Schäden erlebt oder mitgeteilt bekommen.

Dr. Marcic: In der Tat sind tatsächliche Impfschäden sehr selten. Da das Land Entschädigungsleistungen für anerkannte Impfschäden zahlt, haben wir einen sehr genauen Überblick über die Zahlen. Ein Großteil der Entschädigungsleistungen geht auf die Zeit der Pockenimpfungen zurück. Heute werden im Hinblick auf Sicherheit und Wirksamkeit sehr hohe Anforderungen an die Zulassung von Impfstoffen gestellt. Da hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan. Daher sind Impfstoffe heute sehr sichere Arzneimittel.

Dr. Christiansen: Häufig werden Impfreaktionen, beispielsweise leichte Schmerzen oder ein Druckgefühl an der Einstichstelle, mit Impfschäden gleichgesetzt. Das darf man nicht verwechseln. Es ist ganz normal, wenn ein Muskel, in den eine Flüssigkeit injiziert wurde, danach etwas schmerzt und nicht gleich wieder voll angestrengt werden sollte. Das ist aber ein geringes Übel im Vergleich zu den schweren Erkrankungen, die durch die Immunisierung verhindert werden.

Hartmann: Tatsächlich wollen wir diese normalen Impfreaktionen sogar haben! Wir geben ja körperfremdes Material in den Muskel, um eine Entzündungsreaktion ganz bewusst hervorzurufen. Leichte Entzündungsprozesse, Rötungen und Schwellungen sind das, was wir in dem Moment wollen, da dies zeigt, dass das Immunsystem den Fremdkörper als solchen erkennt.

Der tatsächliche Impfschaden, das heißt ein bestehendes medizinisches Problem und seine Diagnose, ist hingegen sehr selten. Der schlechte Ruf, den die Impfungen insbesondere im Internet haben, ist überhaupt nicht gerechtfertigt.

Dr. Marcic: Leider werden dort Mythen am Leben gehalten, die bereits vielfach durch wissenschaftliche Studien widerlegt wurden – von der vermeintlichen Unwirksamkeit der Grippeimpfung über die Kritik an Mehrfachimpfungen bis hin zum Vorwurf, Impfungen könnten Autismus auslösen. Um dem zu begegnen, haben wir auf der Internetseite www.schleswig-holstein.de/impfen herstellerunabhängige und leicht verständliche Informationen zusammengestellt, wo sich jeder objektiv und unabhängig informieren kann. Dort gibt es Hinweise für verschiedene Zielgruppen, insbesondere auch für die Fachöffentlichkeit, u.a. wissenschaftlich fundierte Stellungnahmen zum Thema Risiken und vieles mehr.

Welche Impfungen sind tatsächlich notwendig?

Dr. Marcic: Die Liste der Standardimpfungen ist sehr übersichtlich. Das sind für alle nach 1970 Geborenen Masern-Mumps-Röteln (MMR-Impfstoff), außerdem für alle Diphterie, Tetanus, Pertussis sowie eine Polio-Grundimmunisierung mit einer Auffrischung (Tdap-Kombinationsimpfstoff oder Tdap-IPV-Kombinationsimpfstoff). Die Liste der Impfungen für Kinder ist etwas länger, weil heute glücklicherweise mehr Impfungen möglich sind. Dabei ist zu beachten, dass alle Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) bereits eine Nutzen-Risikobewertung enthalten. Für medizinisches Personal sind vor allem Impfungen gegen Masern, Keuchhusten, Influenza und zum Schutz des Personals die Hepatitis-B-Impfungen sinnvoll. Die detaillierten Empfehlungen können auch auf dem Impfportal des Landes – geordnet nach verschiedenen Zielgruppen – nachgelesen werden. U.a. steht dort für medizinisches Personal eine Übersicht zum Download zur Verfügung.

Hartmann: Wir sind sehr froh, dass die Liste der Impfungen heute länger wird, denn das bedeutet, dass wir die Menschen besser schützen können.

Wie und wo können sich Mitarbeiter informieren und impfen lassen?

Hartmann: Neben der Möglichkeit, sich auf dem Impfportal des Landes im Internet zu informieren, bieten wir als Betriebsärztlicher Dienst den UKSH-Mitarbeitern zu unseren Sprechstundenzeiten Beratungen zu ihrem individuellen Impfschutz an. Sollten Impfungen nötig sein, führen wir dringende Impfungen mit Einverständnis des Mitarbeiters sofort durch. Zudem klären wir den Mitarbeiter auf, was er für weitere Impfungen benötigt und geben ihm neue Termine mit, damit die nachfolgenden Immunisierungen nicht vergessen werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Quelle: UKSH forum Oktober 2017