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Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur

Portraitfoto Karin Prien
Karin Prien

Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur

© M. Staudt/grafikfoto.de

Bildungsforum: IQB-Bildungstrend 2016

1. November 2017, Bildungsforum Schleswig-Holstein

Es gilt das gesprochene Wort

Bildung - insbesondere Schule - steht im Spannungsfeld sich ständig verändernder Rahmenbedingungen. Gute Schule von einst ist nicht automatisch nicht gute Schule von heute. Wir müssen schon genau hinsehen. Und das machen wir - das machen Sie. Alle, die sich für empirische Bildungsforschung interessieren und die Bildungsforschung betreiben. Deshalb danke ich dem IQSH, das zu diesem Bildungsforum eingeladen hat. Und allen, die daran teilnehmen. Ganz besonders danke ich Ihnen, Frau Prof. Stanat, dass Sie uns gleich aus erster Hand die zentralen Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2016 erläutern werden.

Die Leistungsstudien sind ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts zur Qualitätssicherung der Kultusministerkonferenz - und auch diese Landesregierung nutzt empirische Forschung als wertvolles Steuerungsinstrument. Der gerade vorgelegte IQB-Bildungstrend 2016 gibt uns eine fundierte Rückmeldung über die Stärken und Schwächen des Bildungssystems der einzelnen Länder. Und auch unserer eigenen Stärken und Schwächen. Auf diesen Erkenntnissen können wir aufbauen. Zukünftig müssen wir die Studienergebnisse verstärkt dazu nutzen, klare Erwartungshaltungen zu formulieren, welchen Leistungsstand Kinder und Jugendliche in Klasse 4, aber wohl auch nach Klasse 2, erreichen sollen. Ein Indikator, auf den wir immer ganz genau schauen, ist zum Beispiel die Anzahl der Risikoschüler: Sie sinkt. Aber zu langsam. Besonders bei Kindern mit Migrationshintergrund ist sie noch immer zu hoch. Und zwar seit PISA 2000.

Mit der aktuellen IQB-Studie haben wir nun erstmalig valide Vergleichsdaten darüber, wie sich die Grundschulen über einen längeren Zeitraum entwickelt haben. Wir können die aktuellen Daten mit den Befunden von 2011 vergleichen und bewerten. Das ist nicht nur für Bildungsforscherinnen interessant, sondern auch für Politikerinnen.

Ergebnisse für Schleswig-Holstein

Lassen Sie mich doch einen kurzen Blick auf die Ergebnisse und deren Bedeutung für die Bildungspolitik in Schleswig-Holstein richten. Der zentrale Befund ist erfreulich: Schleswig-Holstein entwickelt sich gegen den bundesweiten Trend eher positiv. Unsere Grundschülerinnen und Grundschüler konnten den Leistungsstand in etwa halten, während der gesamtdeutsche Trend eher abwärts zeigt. Das ist zu einem großen Teil der engagierten Arbeit unserer Lehrkräfte zu verdanken. 2011 lag Schleswig-Holstein noch in vielen Bereichen im beziehungsweise unter dem bundesweiten Durchschnitt. 2016 lagen unsere Grundschülerinnen und Grundschüler mit ihren gemessenen Kompetenzen nun teilweise auch über dem Durchschnitt. Und auch die Zahl der Risikoschülerinnen und Schüler - ein besonders aussagekräftiger Indikator für den Erfolg eines Schulsystems - ist seit 2011 um etwa 4 Prozent zurückgegangen. Das finde ich besonders erfreulich.

Aber wir dürfen uns auf diesen Erfolgen nicht ausruhen. Längst nicht alles ist gut. Unser vergleichsweise positives Abschneiden ist letztendlich einem Absinken der Leistungen in anderen Bundesländern zu verdanken. Unser Erfolg ist also nur relativ. Und das kann keineswegs befriedigend sein. Es gibt noch viel zu tun. Ich möchte aus dem aktuellen IQB-Bildungstrend fünf Handlungsfelder beziehungsweise Arbeitsaufträge für die Zukunft ableiten.

Fünf-Punkte-Katalog

1. Risikogruppe weiter verkleinern - gute Projekte ausbauen

Gut eingeführte Projekte in Schleswig-Holstein, die insbesondere an den Grundschulen schwache Schülerinnen und Schüler unterstützen, müssen weiter ausgebaut werden. Das ist zum Beispiel in den Fächern Mathematik und Deutsch der Fall. Hier sind wir deutschlandweit Vorreiter mit "Mathe macht stark" und "Lesen macht stark" in der Grundschule. Viele Länder schauen auf uns und sind auch bereites mit dem IQSH-Direktor Dr. Riecke-Baulecke im regen Austausch.

Der aktuelle Bildungstrend kann zwar noch nicht direkt die Erfolge dieser Projekte widerspiegeln - denn zum Zeitpunkt der Datenerhebung war der erste Jahrgang von Projektteilnehmern noch nicht in Klassenstufe 4. Aber ich verspreche mir davon in den Folgejahren durchaus messbare Ergebnisse. 

Projekte wie "Lesen macht stark" oder "Mathe macht stark" zeigen, dass ein Umdenken stattgefunden hat: Heute liegt die Aufmerksamkeit viel mehr als noch vor wenigen Jahren auf den ersten Schuljahren. Die Weichen für den Bildungserfolg werden bereits in der Grundschule gestellt - und genaugenommen noch viel früher, bereits im Elternhaus und im Kindergarten. Dieser Perspektivwechsel, der immer mehr in der Gesellschaft und auch in den Schulen ankommt, hat möglicherweise bereits die aktuellen Befunde positiv beeinflusst. Wir brauchen gute Schule - genau genommen: gute Bildung - von Anfang an. Und: Es hilft Kindern aus Risikogruppen nicht, wenn wir keine oder geringe Leistungserwartungen definieren.

2. Leistungsspitze fördern

Oft steht die Förderung der Leistungsschwachen im Vordergrund. Das ist auch grundsätzlich richtig. Aber mir ist es wichtig, dabei die Leistungsspitze nicht zu vernachlässigen. Das haben auch die Ergebnisse des Bildungstrends noch einmal ganz deutlich gezeigt: Bei den leistungsstarken Schülerinnen und Schüler hat sich in den vergangenen Jahren zu wenig getan, was nicht nur für die Grundschulen, sondern auch für die Schülerinnen und Schüler der Sek I gilt. Wir bekennen uns deshalb ausdrücklich zur gemeinsamen Bund-Länder-Initiative zur Förderung leistungsstarker und potenziell besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler. Chancengerechtigkeit meint nicht nur die Schwachen, sondern auch die Starken. 

3. Mehr MINT

Wir werden eine umfassende MINT-Offensive in allen Schularten starten, um den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich zu stärken. Ein wichtiges Ziel ist es, auch Mädchen stärker für den MINT-Bereich zu begeistern. In diesem Zusammenhang müssen wir Schulprogramme und Lehrerfortbildungen weiter ausbauen. Um gute Grundlagen zu legen und den fachfremd gegebenen Unterricht zu reduzieren, wollen wir zukünftig ausschließlich Lehrkräfte an unseren Grundschulen einstellen, die mindestens eines der Fächer Deutsch oder Mathematik studiert haben. Wir müssen mehr für die Fortbildung von Lehrkräften tun, die fachfremd unterrichten. Zertifikatskurse müssen regional angeboten werden.

4. Gerechte Bildungschancen für alle

Problematisch bleibt nach wie vor der Zusammenhang zwischen Leistung und sozialer Herkunft, das hat auch die aktuelle IQB-Studie wieder gezeigt. Das halte ich für nicht akzeptabel. Wir müssen mehr für die Bildungsgerechtigkeit in unserem Land tun. Noch immer ist Bildungserfolg zu sehr vom Elternhaus abhängig. Wir müssen aber besonders auch für die Kinder da sein, deren Eltern weniger in der Lage sind, zu helfen, Hausaufgaben zu kontrollieren - oder auch nur mit ihren Kindern ins Theater, ins Konzert oder ins Museum zu gehen - oder sie im Sportverein anzumelden. Wir wollen Eltern stark machen. Auch dazu brauchen mehr Ganztagsangebote. Und daran arbeiten wir.

Auch die Geschlechterunterschiede und zuwanderungsbedingte Disparitäten sind noch immer zu groß. Bildungsstudien machen das messbar. Obwohl die Zusammenhänge in Schleswig-Holstein streckenweise geringer ausfallen als im Bundesdurchschnitt, ist der Verbesserungsbedarf weiterhin deutlich. Das ist frustrierend! Wir sollten auch spezielle Angebote für Jungen und Mädchen machen.

Unser Ziel ist es, gerechte Bildungschancen zu schaffen: Für jedes Kind in Schleswig-Holstein, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Begabungen oder Handicaps, für Kinder mit und ohne Deutschkenntnissen sowie mit und ohne Eltern. Sprache und Bildung sind die Grundvoraussetzungen für eine gelingende Integration und Teilhabe an Gesellschaft und Arbeitswelt. Das Beherrschen der deutschen Sprache trägt entscheidend zum Bildungserfolg der bei uns schutzsuchenden Kinder und Jugendlichen bei. Den Schulen kommt hierbei eine zentrale Rolle zu. Ohne ihre engagierte Arbeit kann die Integration nicht gelingen. Daher werden wir die Kurse "Deutsch als Zweitsprache" (DaZ) und die Ausbildung der Lehrkräfte für DaZ bedarfsgerecht anpassen. Den Übergang von der Basis- in die Aufbaustufe werden wir flexibilisieren. Insbesondere werden wir Lehrkräfte mit Migrationshintergrund oder entsprechendem sprachlich-kulturellen Hintergrund motivieren, als Lehrkraft tätig zu sein. 

5. Auf die Lehrkraft kommt es an

Lehrkräfte leisten viel - jeden Tag. Sie legen - besonders an den Grundschulen - das Fundament für den späteren Bildungserfolg ihrer Schülerinnen und Schüler. Dafür verdienen sie eine hohe gesellschaftliche Wertschätzung. Und dafür werbe ich ausdrücklich, bei jedem wichtigen Anlass. Politik kann aber nur unterstützen. Die Arbeit machen die Lehrkräfte. Deshalb werden wir in Schleswig-Holstein die Belastungssituationen von Lehrkräften noch stärker in den Blick nehmen. Im November starten wir eine Umfrage an allen Schulen zur Lehrkräftegesundheit, die wir gründlich auswerten und aus der wir Handlungsoptionen ableiten werden. Es ist auch richtig, in den kommenden Jahren einen Schwerpunkt auf die Unterrichtsqualität an den Grundschulen zu legen. Darin bestärkt uns jetzt der IQB-Bildungstrend. Es soll mehr Unterricht in den Jahrgangsstufen 1 und 2 geben. Neue Fachanforderungen für Mathematik und Deutsch sind in Arbeit.

Wir führen die verbundene Schreibschrift als verpflichtend ein. Kinder sollen wieder von Anfang an richtig Schreiben lernen. Und sie sollen bis zum Ende der vierten Klasse einen Grundwortschatz von rund 800 Wörtern beherrschen. Ich halte den schleswig-holsteinischen Weg in der Ausbildung für Grundschullehrkräfte für richtig, Basisqualifikationen in Deutsch und Mathematik verpflichtend zu machen. Diesen Weg werden wir fortsetzen. Gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sollen dazu Vorschläge erarbeitet werden.

Schule muss auf Veränderungen reagieren

Meine Damen und Herren,

viele Faktoren verändern die Gesellschaft - und damit auch Schule: der demografische Wandel, immer heterogenere Lerngruppen, Globalisierung, Digitalisierung, Inklusion, Herausforderungen der Demokratie und die Integration von Kindern und Jugendlichen, die vor Krieg und Not geflüchtet sind. Um nur einige zu nennen. Diese Veränderungen brauchen eine Antwort in unseren Schulen. Gute Schule verändert sich mit. Sie muss sich neuen Aufgaben stellen. Studien wie der IQB-Bildungstrend machen den Erfolg unseres Schulsystems messbar. Wichtig ist, dass jede Fachkonferenz aus den Ergebnissen lernt und die Unterrichtsqualität vor Ort befördert.

Diese Veranstaltung soll dazu beitragen, mögliche Problemfelder aber auch „Standortvorteile“ Schleswig-Holsteins deutlich zu machen und eine Diskussion über mögliche lokale oder landesweite Strategien zu eröffnen. Denn wir wissen auch: Messen allein reicht nicht. Das ist nur der erste Schritt. Wir müssen die Befunde analysieren, daraus lernen - und vor allem: handeln!

 

Vielen Dank.