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Schleswig-Holstein -
Grote Mandränke von 1362

Staatskanzlei

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Grote Mandränke von 1362

Es war wie die Sintflut: Eine gewaltige Sturmflut suchte vor über 650 Jahren auch die schleswig-holsteinische Nordseeküste heim und veränderte deren Verlauf für immer. Große Teile von Marschflächen und das sagenhafte Rungholt gingen für immer unter.

Abbildung eines alten Gemäldes, dass die 2. Marecellusflut darstellt.Die 2. Marcellusflut oder auch "Grote Mandränke" von 1362 bedeutete den Untergang der sagenumwobenen Stadt Rungholt. © Museumsverbund Nordfriesland

Am Anfang war die Flut. Diese gewaltige Sturmflut, die, einem riesigen Besen gleich, über die Nordseeküste fegt, über die Utlande, die Außenlande vor dem Festland, über die Köge, die eingedeichten Marschgebiete. Große Teile fruchtbaren Landes zwischen Sylt und Eiderstedt in Nordfriesland gingen unter, aus zusammenhängenden Landteilen wurden verstreute Inseln und Halligen. Am 16. Januar 1362, vor 650 Jahren, verändert die "Grote Mandränke" - die "Große Manntränke" - den Küstenverlauf im heutigen Schleswig-Holstein für immer.

Geburtsstunde Nordfrieslands

Die "Geburtsstunde Nordfrieslands in seiner heutigen Form" nennt Thomas Steensen, Professor am Friesischen Seminar der Universität Flensburg und Direktor des Nordfriisk Instituuts in Bredstedt, die Ereignisse in jenem Winter vor mehr als einem halben Jahrtausend. "Diese Flut ist eine der großen Katastrophen des mittelalterlichen Europa, die besonders in Nordfriesland zu großen Verlusten an besiedeltem Land und an Menschen geführt hat."

2,50 Meter Deichhöhe boten keinen Schutz

Blick auf tosende Wellen Sturmflut (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster)Sturmfluten bedrohen immer wieder die Küsten Schleswig-Holsteins. © M. Staudt / grafikfoto.de

100.000 Menschen, so hieß es einst, sollen umgekommen sein in den Tiefen des "Blanken Hans". Inzwischen liegen die Schätzungen bei etwa 10.000 Toten, sagt Albert Panten, nordfriesischer Heimatforscher und Mittelalterexperte. In Relation zur Deichhöhe - anders als heute betrug sie im 14. Jahrhundert nur etwa 2,50 Meter - sei die "Mandränke" die schwerste Flut gewesen, die die schleswig-holsteinische Nordseeküste je traf. Der Höhepunkt war am 16. Januar erreicht - insgesamt wüteten die Stürme drei Tage lang.

Pest, Trockenheit, Sturmflut

Gleich mehrere Faktoren trugen zu ihrer verheerenden Wirkung bei, erläutert Panten. Zwölf Jahre vor der Sturmflut war die Pest durchs Land gezogen. "Die Vernachlässigung der Deiche wegen des Bevölkerungsverlustes in der Pestzeit war noch nicht aufgeholt." Außerdem habe es zu Beginn des 14. Jahrhunderts gravierende Klimaveränderungen gegeben: Zuerst Trockenheit, dann Dauerregen für ein ganzes Jahr, wieder Trockenheit, das Vieh starb, strenge Winter, Stürme und Hungersnöte - nur jeder vierte der ohnehin geschwächten Menschen soll dann die Pest überlebt haben. Zu diesem Unglück kam auch noch Pech hinzu: "Die passende Windrichtung zur passenden Zeit - das Wasser ist glatt über die Deiche gegangen, ein Extremereignis" - mit dem keiner gerechnet hatte. Das erinnert an Fukushima in diesem Frühjahr.

Kampf ums Überleben

Für 50 Jahre kämpften die Menschen in Nordfriesland nach der Flut ums Überleben, sagt Heimatforscher Panten. Die fruchtbaren Marschlande waren vernichtet, das Vieh ertrunken, das gesamte Deichwesen lag brach. Trotzdem wollte der dänische König Abgaben haben, die Nordfriesen konnten sich nicht dagegen wehren, weil ihnen die Männer zum Kämpfen fehlten.

Veränderung der Küste

Das Aussehen der Küste hat sich dauerhaft verändert. Etwa 50 Prozent mehr als die heutigen Utlande umfasste dieses Gebiet vor 1362, schätzt Panten. 16 Kirchspiele seien "ganz und gar verschwunden", andere wurden wiedererrichtet. Die gravierendste Veränderung zeige sich bei der heutigen Insel Pellworm. Das gesamte Meeresgebiet zwischen Pellworm und Nordstrand war vor der Sturmflut Land. Zwischen dem heute dänischen Tønder und Bredstedt gab es ebenfalls große Landverluste, Sylt verlor seine westlichen Gebiete, die heutige Gestalt trat hervor. Auch die sagenhafte Stadt Rungholt, eine Art Atlantis des Nordens, das aber tatsächlich existierte, ging unter.

Husum profitierte von der Flut

Profiteur der Verluste war Husum, sagt Institutsdirektor Steensen. Die Sturmflut habe einen Zugang von der offenen Nordsee zur Südwestecke des Festlands geöffnet. "Hier wuchs in wenigen Jahrzehnten der größte Ort Nordfrieslands heran, die heutige Kreisstadt Husum. Ohne die Katastrophe wäre deren Aufstieg nicht möglich gewesen."

Wichtiger Küstenschutz

Und die Moral von der Geschichte? "Richtig schöne Lehren hat man nicht daraus gezogen", resümiert Oberstudienrat Panten. Im 15. Jahrhundert hätte es mehr Investitionen in der Bedeichung gegeben. Die neuen Deiche seien aber auch nur unwesentlich höher gewesen. Heute erreichen sie acht Meter - "aber das Gedenken an die "Grote Mandränke" ist wichtig, die Verantwortlichen für den Küstenschutz sollten sich der Gefahr bewusst sein", findet Panten.

(Quelle: dpa)

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