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Typisch Schleswig-Holstein -
Die versunkene Stadt Rungholt

Staatskanzlei

Typisch Schleswig-Holstein -
Die versunkene Stadt Rungholt

Versunkene Städte bieten immer Stoff für Legenden und Mythen. Auch hier im Norden gibt es eine solche Sage, die schon seit Jahrhunderten die Phantasien von Künstlern beflügelt und für Streit unter Wissenschaftlern sorgt: Die Legende der untergegangenen Stadt Rungholt.

Viele Legenden ranken sich um das "Atlantis des Nordens" und seinen Untergang. Die Stadt war ein florierender Handelsort der Edomsharde auf der ehemaligen Insel Strand im nordfriesischen Wattenmeer bevor sie im Jahr 1362 der "groten Mandränke" zum Opfer fiel.

Die Legende

Der Legende nach war Rungholt eine sehr reiche Stadt im Norden, allerdings auch ebenso gotteslästerlich. Bürger Rungholts riefen demnach eines Abends einen Pfarrer, der einem Kranken das Abendmahl reichen sollte. Stattdessen fand dieser ein betrunken gemachtes Schwein vor und wurde von den Rungholtern genötigt, mit ihnen zu trinken. Dazu wurden in manchen Fassungen der Legende der Abendmahlskelch, in anderen Fassungen die Oblaten, missbraucht. Als der Pfarrer sich wehrte, wurde er verprügelt, schaffte es aber dennoch zu fliehen.

Sturmflut an der Nordsee Sturmflut an der Nordsee (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster) © M. Staudt / grafikfoto.de

Er bat Gott, die Rungholter für ihre Sünde an ihm und an Gott zu bestrafen und verließ die Stadt noch in derselben Nacht gemeinsam mit einer Magd und zwei Jungfrauen. Eine furchtbare Flut brach über die Stadt herein und sie wurde vom Meer verschlungen. Die Legende besagt, dass alle sieben Jahre in der Johannisnacht die Glocken Rungholts erklingen. Hören könnten sie allerdings nur Sonntagskinder.

Beflügelte Phantasien

Der Mythos von Rungholt bot Stoff für viele Schriftsteller, die die Legende in ihren Werken aufgriffen und ausschmückten. Am bekanntesten ist wohl die Ballade "Trutz, Blanke Hans" von Detlev von Liliencron aus dem Jahr 1883. Vor allem der erste Vers der Ballade wird im Zusammenhang mit der Stadt Rungholt oft zitiert: "Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren.". Bereits Theodor Storm griff 1872 auf den Legendenstoff zurück und band diesen in seiner weniger bekannten Novelle "Eine Halligfahrt" mit ein. Auch im 21. Jahrhundert wurde der Mythos Rungholt vielfach präsentiert. So zum Beispiel im Episodenfilm "Der Untergang Rungholts" von Victoria Schwartz und Rasmus Hirthe aus dem Jahr 2001 oder "Rungholts Ehre", ein mittelalterlicher Kriminalroman von Derek Meister von 2005.

Rungholt ist real

Lange Zeit galt die Stadt Rungholt als Mythos und Legende, bevor die Geschichtswissenschaft 1938 ihre reale Existenz anerkannte. Demnach war Rungholt eines von sieben Kirchspielen der ehemaligen Insel Strand und bedeutender Handelsort der Edomsharde. Der Name "Rungholt" bedeutet so viel wie "Niederholz". Alte Karten zeigen, dass in unmittelbarer Umgebung der Stadt ein kleiner Wald auf hügeligem Gelände existiert haben muss und gelten als Indizien für die reale Existenz des Ortes. Bedeutsam ist vor allen Dingen eine Karte des Zeichners Johannes Meyer aus dem Jahr 1636, die wiederum auf einer Karte von 1240 basieren soll. Weitere Hinweise sind ein Testament von 1345, in dem Rungholt erwähnt wird und eine Handelsvereinbarung mit Hamburger Kaufleuten von 1361.

Die "grote Mandränke"

Als sicher gilt auch, dass Rungholt im Jahr 1362 der 2. Marcellusflut, auch "grote Mandränke" genannt, zum Opfer fiel. Es werden viele Gründe für die zerstörende Wirkung der Flut auf Rungholt genannt. Der Legende nach war die Sturmflut eine Strafe Gottes für die Gotteslästerlichkeit der Stadt. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Deiche der Stadt zu niedrig waren und nicht ausreichend in Stand gehalten wurden. Dafür fehlte schlicht die Kraft, da die Bevölkerung die Jahre zuvor von Missernten, Viehseuchen und der Pest gebeutelt worden war. Zudem soll sich das Land damals abgesenkt haben, sodass für Rungholt bei gleichzeitig steigendem Meeresspiegel keine Chance bestand.

Nach der Flut von 1362 wurden Teile des zerstörten Gebietes erneut besiedelt doch die "2. grote Mandränke" von 1634 verwüstete erneut die Landschaft. Von dem früheren "Alt-Nordstrand" sind heute nur noch die Inseln Pellworm, die Halbinsel Nordstrand und die Halligen Nordstrandischmoor und Hamburger Hallig übrig geblieben sowie der sogenannte "Rungholtsand". Eine Sandwattfläche, bei der es sich wahrscheinlich um Überreste des kleinen Waldes in der Nähe Rungholts handelt.

Landegeschichte: Die grote Mandränke von

Überreste der Stadt

Viele Schatzsucher machen sich seit Jahren auf die Suche nach den unermesslichen Reichtümern der Stadt. Immer wieder tauchen Überbleibsel Rungholts unter Wasser und Schlick auf. So wurden Abdrücke niedriger Deiche gefunden, Kessel, Pflugfurchen und 1880 erstmals die Reste von zwei Schleusen, die aber erst 1922 als Bauwerke anerkannt wurden. Von den angeblichen Reichtümern der Stadt fehlt aber bis heute noch jede Spur.

Streit unter Wissenschaftlern

Zu einem der bedeutendsten Rungholtforscher zählt der Heimatforscher und Landwirt Andreas Busch, der zwischen 1921 und 1972 Spuren fand, die auf die Existenz Rungholts hindeuteten. Er lokalisierte die legendäre Stadt im Westen und Süden der Hallig Südfall zwischen Pellworm und Nordstrand. Ein weiterer bekannter Name der Rungholtforschung ist Hans-Peter Duerr. Der Ethnologe unternahm im Jahr 1994 mit seinen Studenten eine "Rungholt-Exkursion" und machte ebenfalls zahlreiche Funde. Er sorgte für viel Wirbel unter den Wissenschaftlern, da er die Lage Rungholts nordwestlicher als Andreas Busch ortete. Außerdem vermutete er, dass Rungholt schon mindestens 3.000 Jahre vor ihrem Untergang existierte und Anlaufstelle für minoische Schifffahrer war, die Öle gegen Bernstein tauschen wollten.

Rätsel über Rätsel

Es werden in dem Gebiet um die Halligen Südfall, Nübel und Nielandt immer noch Überreste der versunkenen Stadt gefunden. Diese werden im Landesmuseum von Schleswig-Holstein, im Nissenhaus in Husum und im Rungholtmuseum Pellworm aufbewahrt. Die einstige Lage der Stadt und ihre Geschichte geben noch heute viele Rätsel auf und sind nicht in Vergessenheit geraten. Hobby-Archäologen treffen sich jährlich zu den Rungholttagen auf Nordstrand um die Geschichte der Stadt Rungholt, verborgen unter Wasser und Watt, zu erforschen.

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