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„Die Kinder- und Jugendpsychiatrie muss sich einmischen.“

Staatskanzlei

„Die Kinder- und Jugendpsychiatrie muss sich einmischen.“

Ralph Kortewille ist Diplom-Psychologe und seit 2008 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Elmshorn tätig. Im Interview erzählt er, warum ihm die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen am Herzen liegt und dass es für das Wohl der jungen Patientinnen und Patienten wichtig ist, Expertenwissen zu teilen.

1. Was ist Ihre Aufgabe in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Elmshorn?

Ralph Kortewille © Privat

In unserer Klinik bin ich Mitarbeiter der Institutsambulanz. Unter anderem bin ich zuständig für die Versorgung traumatisierter Kinder und Jugendlicher im Rahmen unserer Trauma-Ambulanz, die wir gemeinsam mit dem Verein Wendepunkt Elmshorn e. V. betreiben. Außerdem bin ich mit der Begutachtung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen des Sozialgesetzbuches VIII betraut, um festzustellen, ob eine seelische Behinderung droht oder sogar vorhanden ist. Seit Mitte vergangenen Jahres bin ich außerdem gemeinsam mit einer Kollegin als Projektleitung zuständig für die „Regionale kinder- und jugendpsychiatrische und psychotherapeutische Erstversorgung von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung“ in den Kreisen Pinneberg, Steinburg und in Norderstedt. Die finanziellen Mittel dafür stellt uns das Land Schleswig-Holstein. Nicht zuletzt sind mir persönlich, vor dem Hintergrund meiner bisherigen beruflichen Laufbahn, Kinderschutzthemen ein besonderes Anliegen, und ich unterstütze unsere Leitung in Fragestellungen, die diesen Bereich betreffen.

2. Was ist das Besondere an dieser Klinik?

Wir sind in allererster Linie eine Klinik, die das gesamte Spektrum kinder- und jugendpsychiatrischer Auffälligkeiten versorgt. Wir bemühen uns intensiv um das Thema Kooperation und engagieren uns sehr für eine gute Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe. Dabei verfolgen wir konsequent einen familientherapeutischen und traumasensitiven Ansatz. Denn gerade bei Kindern, die Hilfe in stationärer Form benötigen, ist bekannt, dass in fast 90 Prozent der Fälle Traumatisierungen vorliegen.

3. Seit 2008 sind Sie als Psychotherapeut in der Elmshorner Klinik tätig. Was hat sich seitdem verändert?

Die Klinik hat sich in den vergangenen Jahren konsequent weiterentwickelt und wir als Team haben uns schnell auf aktuelle Erfordernisse eingestellt. Ein Beispiel dafür ist die intensive Beschäftigung mit Kindern mit Fluchterfahrungen. Der unerwartet starke Anstieg der Flüchtlingszahlen Ende 2015 stellte für uns eine Herausforderung dar. Dieser haben wir uns mit dem jetzt vom Land geförderten Projekt erfolgreich gestellt. Ganz generell zeichnet unsere Klinik vor allem aus, dass sich alle Mitarbeiter mit ihren individuellen Stärken und Kompetenzen in ihren Arbeitsalltag einbringen und zum Wohl der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen einsetzen können und dürfen. Man kann in diesem Themenfeld nicht immer stromlinienförmig agieren. Wir genießen dabei die Rückendeckung der Leitung. Wer sich für Kinder einsetzt, muss immer mal zur konstruktiven Auseinandersetzung bereit sein.

4. Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der Kinder und Jugendpsychiatrie? Was wird oder muss sich verändern?

Da kann ich keinen allgemeingültigen Trend formulieren. Für unsere Klinik würde ich mir wünschen, dass die eingeschlagene Richtung konsequent weiterverfolgt wird. Das alte Modell des Arztes oder Psychologen, der in seinem Sprechzimmer hockt und auf seine Patienten wartet, hat sich meiner Ansicht nach überlebt. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie und auch -psychotherapie muss hinausgehen, andere Einrichtungen kennenlernen und sich im Gespräch mit Fachkräften in anderen Aufgabenfeldern proaktiv einmischen, wo es nötig ist. Wir müssen uns in größeren Runden zusammensetzen und gemeinsam kooperative Lösungen im Sinne der Kinder finden. Wir als Fachleute für das Seelenleben von Kindern und Jugendlichen sollten bereit sein, unser Expertenwissen großzügig zur Verfügung zu stellen und uns für die Verbesserung der Lebenswirklichkeiten von Kindern und Jugendlichen einzusetzen. Das bedeutet für mich auch, die vom Deutschen Kinderschutzbund formulierten Grundgedanken von Teilhabe und Gewaltfreiheit in die Welt zu tragen. Das machen wir besonders mit unserem Projekt „Grenzgänger“, mit der Trauma-Ambulanz, mit unserem Ansatz der Multifamilientherapie, dem Konzept „Lütte Lüüt“ zur Mutter-und-Kind-Behandlung sowie unserem Modellprojekt zu Flüchtlingsversorgung.

5. Sie haben ja bereits erwähnt, dass Sie neben Ihrer Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Elmshorn ein Projekt leiten, das vor allem unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Schleswig-Holstein helfen soll, mit ihren traumatischen Erlebnissen umzugehen. Warum ist dieses Projekt so wichtig?

Die fachgerechte kinder- und jugendpsychiatrische und -psychotherapeutische Versorgung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen liegt mir sehr am Herzen, seit ich im Anfang der 2000er Jahre im Kieler Kinderschutzzentrum gearbeitet habe. In diesem Themenbereich ist noch Vieles zu erreichen. Das gilt für deutsche Kinder und Jugendliche und die Neubürger gleichermaßen. Zum Beispiel werden nach wie vor Traumatisierungen viel zu oft nicht rasch genug erkannt und nicht selten jahrelang mit falschen therapeutischen Mitteln und unzweckmäßigen Medikamenten behandelt. An dieser Stelle wollen wir mit unserem Flüchtlingsprojekt gegensteuern.

Wie sieht diesbezüglich die Arbeit im Projekt aus?

In dem wir in die Einrichtungen gehen, in denen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge versorgt werden, können wir frühzeitig einen psychiatrischen Behandlungsbedarf erkennen und, falls notwendig, schnell mit einer Behandlung beginnen. Dadurch können wir schweren Verläufen begegnen und beispielsweise eine Notfalleinweisung in die Klinik verhindern. In der Institutsambulanz nutzen wir das erworbene Know-How und versorgen Minderjährige, die mit ihren Familien hierhergekommen sind und die uns zum Teil grausame Schicksale berichten. Wir versuchen auch hier, eine Stabilisierung im Alltag zu erzielen. Im Prinzip verhält es sich mit einem seelischen Trauma ähnlich wie mit einer körperlichen Verletzung. Je schneller kompetente Hilfe geleistet wird, desto besser ist der Therapieerfolg. Gerne würden wir unsere Kompetenz auch in den Kreisen Segeberg und Dithmarschen anbieten, sofern Mittel zur Verfügung gestellt würden.

6. In Hamburg-Altona besitzen Sie eine Praxis für Traumatherapie. Was für Unterschiede sehen Sie in Ihrer Praxistätigkeit und Ihrer Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Elmshorn?

Ich habe das Glück, dass ich neben meiner Teilzeittätigkeit in der Klinik ein paar Stunden in meiner eigenen Praxis tätig sein kann. Dort sehe ich erwachsene und minderjährige Patienten mit Monotraumatisierungen, die vom therapeutischen Standpunkt aus einfach zu behandeln sind. Dabei benutzte ich häufig EMDR. Wichtig ist zudem, dass ich durch meine freiberufliche Tätigkeit als Referent und Supervisor meine Erfahrungen an Kollegen aus verschiedenen Berufsfeldern weitergeben kann. Die Klinik als ärztlich dominierte Einrichtung sieht für Psychologen, auch wenn sie umfangreiche Berufserfahrungen vorweisen können, letztlich keine Möglichkeiten zum Aufstieg vor.

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