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Gender-Medizin

Staatskanzlei

Gender-Medizin

Für sie die Autoimmunerkrankung, für ihn den Herzinfarkt. So werden klischeehaft die Krankheiten zwischen den Geschlechtern verteilt. Eine Logik, die allerdings nicht zutrifft, weiß die junge Fachrichtung Gender-Medizin.

Die verhältnismäßig junge medizinische Fachrichtung „Gender-Medizin“ hat sich der Forschung um die geschlechterspezifischen Unterschiede und ihren medizinischen Auswirkungen verschrieben. Werden denn Männer und Frauen unterschiedlich krank? Ja, werden sie. Neben biologischen Ursachen spielen dabei auch soziale und psychologische Faktoren eine Rolle. 

Eine generelle Einteilung in „Männerkrankheiten“ und „Frauenkrankheiten“ ist zu kurz gegriffen – es sei denn, sie beruhen tatsächlich auf den anatomischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Und selbst hier ist die Unterscheidung nicht eindeutig: Die meisten Männer würden das Thema „Brustkrebs“ spontan als für sie nicht relevant abtun. Ein fataler Irrtum. Männer sind zwar deutlich seltener betroffen, dennoch mit nicht minder schweren Folgen. Ein Prozent der jährlich 60.000 Brustkrebspatienten in Deutschland sind Männer. Und dies sind nur die, die diagnostiziert werden. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

Klischee oder Wahrheit

Die unterschiedliche Anfälligkeit für bestimmte Krankheitsbilder ist statistisch belegt. Weil ihre Immunabwehr aufgrund ihrer höheren Zahl von weißen Blutkörperchen stärker ist, leiden Frauen zum Beispiel häufiger an stärkeren Entzündungsreaktionen als Männer. Diese dagegen neigen verstärkt zu Suchterkrankungen, wie zum Beispiel Alkoholismus und den daraus entstehenden Krankheitsbildern. Ein Grund dafür könnte sein, dass männliche Gehirne bei Alkoholkonsum mehr Dopamin ausschütten. Dieses „Glückshormon“ ist Teil des Belohnungssystems des Körpers. Bei männlichen Gewohnheitstrinkern verringert sich die Ausschüttung. Um den angestrebten Effekt zu erhalten, muss der Alkoholiker die Dosis stetig erhöhen. 

Todesursache Nummer eins ist bei beiden Geschlechtern der Herzinfarkt, beziehungsweise Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems. Diese liegen noch deutlich vor sämtlichen Krebsarten. Im Jahr 2010 starben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 353.000 Menschen an Herz-/Kreislauferkrankungen. Im Gegensatz dazu waren es 219.000, die an unterschiedlichsten Krebsleiden verstarben.

Herzinfarkt vor Krebsleiden

Der Unterschied besteht darin, dass Frauen einen Herzinfarkt deutlich später erleiden als Männer – und zwar rund zehn Jahre. Aus diesem Umstand resultiert unter anderem die deutlich höhere durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen. In den meisten Industriestaaten liegt sie etwa um sechs Jahre höher als die der Männer. Ein weiterer Grund dafür ist offensichtlich und nur zum Teil biologisch zu erklären: Im Gegensatz zu den meisten Männern achten Frauen im Durchschnitt mehr auf sich und ihren Körper. Das Eintrittsalter für Vorsorgeuntersuchungen liegt bei Frauen bei 20 Jahren, bei Männern bei 45. In der Regel ernähren sich Frauen gesünder, trinken weniger Alkohol, rauchen weniger und nehmen mehr Vorsorgeangebote wahr.

Grafik der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Das Kreisdiagramm zeigt, Herzkreislauferkrankungen liegen deutlich vor allen Krebsarten. Grafik der häufigsten Todesursachen in Deutschland (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster)Die häufigsten Todesursachen in Deutschland 2007 © www.bpb.de

Verhalten beeinflusst die Gesundheit 

Aus soziologischer Sicht dominiert bei Männern häufig noch der Mythos des unverwundbaren starken Geschlechts und so wird der Arzt gemieden oder erst aufgesucht, wenn es zu spät ist. Dies belegen zahlreiche Studien. Die Prävention beim Zahnarzt klappt bei beiden Geschlechtern prozentual noch einigermaßen gut. Ansonsten haben Männer im Jahr durchschnittlich 2,5 Arztkontakte, bei Frauen sind es 3,4.

Männer kommen in Deutschland im Durchschnitt jährlich auf weniger Krankentage als Frauen. Auf die eigene Gesundheit nicht zu achten oder eine Krankheit nicht auszukurieren, ist aber auf lange Sicht nicht nur schädlich für den Organismus, sondern macht auch volkswirtschaftlich keinen Sinn. Laut Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Medizin gehen 70 Prozent der Deutschen trotz Krankheit zur Arbeit. Ansteckungsgefahr für die Kollegen und verminderte Leistungsfähigkeit sind dabei nur die kurzfristigen Folgen. Und wer sich bei Krankheit nicht schont, der schwächt sein Immunsystems und riskiert eine Folgeerkrankung.

Unterschiede der Geschlechter

Außerdem sterben Männer häufiger durch Unfälle als Frauen. Schuld daran ist das männliche Sexualhormon Testosteron, was Männer dazu verleitet, eher Risiken einzugehen. So verursachen beispielsweise nach einer ACE-Studie Männer zwei Drittel aller schweren Autounfälle. Das weibliche Pendant bei den Hormonen, das Östrogen, wirkt dagegen gesundheitsfördernd. Genetisch sind Frauen auch im Vorteil. Durch die beiden X-Chromosome nutzen Frauen das immunologische Potenzial beider Elternteile, Männer nur eines.

Soweit die Theorie, die augenscheinlich das bessere Blatt für die Frauen bereit hält. In der Praxis wirken sich die Folgen ihres Lebensstils stärker aus als bei den Männern. Wenn Frauen beispielsweise rauchen, ist ihr Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen um 25 Prozent höher als das bei rauchenden Männern. Verhüten sie außerdem mit der Pille und sind übergewichtig, dann wirkt sich dies zusätzlich negativ aus. Trotzdem gelten landläufig Herzkreislauferkrankungen immer noch als „Männerkrankheit“. 

Geschlechterspezifische Symptome

Geschlechterspezifische Unterschiede werden in der Medizin erst seit einigen Jahren intensiv erforscht und berücksichtigt. Die Gender-Medizin untersucht, inwiefern die Geschlechter spezifische Symptome entwickeln und wie unterschiedlich Medikamente bei Männern und Frauen wirken. Grundlegende Forschungsergebnisse stammen von der amerikanischen Kardiologin Marianne Legato. 2002 verschaffte sie dem Thema mit ihrem Buch „Evas Rippe“ eine breite Öffentlichkeit. Ende der 80er Jahre fiel ihr auf, wie unterschiedlich sich ein Herzinfarkt bei den Geschlechtern äußert. Bis heute ist diese Erkenntnis noch nicht vollständig in das medizinische Allgemeinwissen der Bevölkerung eingegangen. Die Überlebenschancen eines Mannes sind bei einem Herzinfarkt deutlich besser als die einer Frau. Ein Grund dafür liegt darin, dass bei Männern der Herzinfarkt schneller diagnostiziert wird. Frauen selbst oder auch der diagnostizierende Arzt deuten die Symptome eines Infarkts oft völlig anders und kommen daher nicht gleich auf die richtige Diagnose. Andersherum wird bei Männern ein Brustkrebs-Tumor meistens zu spät entdeckt, da es keine regelmäßige Vorsorge gibt und bei den Betroffenen auch kein Problembewusstsein dafür existiert. Das Krankheitsbild ist zu selten und es gibt keine regelmäßige Vorsorge.

Medikamente wirken anders

Unterschiede existieren auch bei der Wirkung von Medikamenten. 1997 belegte die so genannte Digitalis-Studie einen positiven Effekt beim Test eines Herzmedikamentes. 2002 testete man es erneut, allerdings an einer gemischten Gruppe. War bei den Männern die Wirkung des Medikaments weiterhin positiv, ergaben die neuen Untersuchungsergebnisse, dass das Medikament Frauen sogar schadete. Andere Forschungen stellten weitere Unterschiede fest. Aspirin wird als Sekundärprophylaxe nach einem Schlaganfall eingesetzt. Heute weiß man, dass es tatsächlich nur bei Männern das Risiko für einen erneuten Schlaganfall senkt. In den USA wurden daher die gesetzlichen Vorschriften für Tests von neuen Medikamenten geändert. Mindestens 40 Prozent weibliche Probanden müssen an einer Studie beteiligt sein. In Europa gibt es solche verbindlichen Standards noch nicht.

So gilt es, nicht nur nach den Unterschieden zwischen den Geschlechtern zu forschen, sondern auch nach den unterschiedlichen Ausprägungen von Krankheitsbildern je nach Geschlecht. Prävention bleibt für Frau und Mann die beste Medizin.

Checkliste für Sie und Ihn

Sich um die eigene Gesundheit kümmern, ist die beste Vorsorge: aufmerksam sein und auf die Warnsignale seines Körpers hören. Regelmäßige Arztbesuche und jährlicher Check-Up.
Weitere Informationen zur Gender-Medizin, Präventionsmöglichkeiten und Beratungsangebote finden Sie auf den Themenseiten.

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