Pfosten, Pfosten, Pfosten ...

Eine völkerwanderungszeitliche Siedlung bei Wittenborn, Kreis Segeberg

Im Vorfeld des Baues der Bundesautobahn 20 wird zur Zeit in der Gemeinde Wittenborn eine Siedlung der Völkerwanderungszeit (5. - 6. Jh.) durch das Archäologische Landesamt ausgegraben. Da sich der Fundplatz im Bereich einer geplanten Autobahnanschlussstelle befindet, kann hier auf einer größeren Fläche fast die gesamte Siedlung freigelegt werden. Inzwischen sind auf einem Areal von ca. 2,3 ha 23 Langhäuser, zehn Speicherbauten und fünf Grubenhäuser nachgewiesen. Dazu kommen einzelne unvollständig erhaltene Zaunverläufe und einige bislang ungeklärte Anlagen. Es handelt sich um eine der größten Flächengrabungen, die bislang in Schleswig-Holstein durchgeführt worden sind.

Bei heutigen Ausgrabungen muss man sich darüber im Klaren sein, dass auf landwirtschaftlich genutzten Flächen im Regelfall nur noch die tiefer eingegrabenen Strukturen unterhalb des durch den Pflug gestörten Horizontes erhalten sein können. Der vorgeschichtliche Laufhorizont mit den Wegen, Herdstellen und sonstigen Befestigungen des Untergrundes (z. B. Lehmtennen im Hausbereich, Steinpflasterungen, Holzlagen) existiert zumeist nicht mehr. Da in vorgeschichtlicher Zeit viele Strukturen, wie z. B. Häuser und Zäune mit Pfosten, tief im Boden verankert worden sind, lassen sich heute trotz der großen Zerstörungen viele wichtige Erkenntnisse über den Aufbau vorgeschichtlicher Siedlungen erfassen. Die Grundlage bildet das Erkennen der „Pfostengruben“, d. h. der Gruben, in denen ursprünglich die Holzpfosten gestanden haben. Über die Anordnung der zumeist als dunkle Verfärbungen im helleren Untergrund sichtbaren Pfostengruben können Gebäudegrundrisse, Zaunverläufe usw. rekonstruiert werden.

Die Langhäuser aus Wittenborn sind alle dreischiffig aufgebaut, d. h., das Dach wurde im Wesentlichen von zwei parallelen Pfostenreihen getragen. Der Bereich zwischen den beiden Pfostenreihen wird „Mittelschiff“ genannt, während die schmalen Zwischenräume zwischen den einzelnen Pfostenreihen und den jeweils benachbarten Längswänden als „Seitenschiffe“ bezeichnet werden. Ein Langhaus setzt sich also aus einem breiten Mittelschiff (2,5 - 3,2 m) und zwei schmaleren Seitenschiffen (0,5 - 1,2 m) zusammen. Die Pfostengruben der Hauswände sind alle wesentlich geringer eingetieft als die Gruben der beiden Mittelreihen. Diese hatten mit dem Dach auch die größte Last zu tragen und mussten insofern fester im Boden verankert sein als die Wandpfosten. Die Langhäuser erreichten bei einer in etwa einheitlichen Breite von 4,8 - 5,6 m eine Länge von 13 - 40 m. In einem Fall konnten Trennwände zwischen einzelnen Viehboxen und somit ein Stallteil in einem Gebäudeteil nachgewiesen werden. Die Ergebnisse von anderen Ausgrabungen zeigen, dass, vor allem bei den längeren Bauten, Mensch und Vieh unter einem Dach gewohnt haben werden (sog. „Wohnstallhäuser“). Die kleineren Häuser könnten als reine Wohn- und/oder Wirtschaftsgebäude gedient haben. Wie für vorgeschichtliche Siedlungen unseres Raumes üblich, waren alle Langhäuser mehr oder weniger von West nach Ost ausgerichtet.

Bei den zehn Speicherbauten handelte es sich um gestelzte Speicher. Der eigentliche Lagerraum befand sich auf einem Pfostenrost oberhalb der damaligen Oberfläche. Das Stroh, Heu und/oder Getreide lag so trocken und geschützt vor Nagetieren. In Wittenborn setzten sich die Pfostenroste aus neun, zwölf oder 15 Pfosten zusammen. Die Grundflächen dieser Pfostensetzungen hatten eine Größe zwischen 10 und 30 m².

Die fünf „Grubenhäuser“ zeigen sich als aberundet rechteckige Gruben mit eben verlaufender Sohle. An den Schmalseiten befinden sich in Wittenborn jeweils drei Pfostengruben („6-Pfosten-Grubenhäuser“), die deutlich tiefer eingegraben worden waren als die große Grube zwischen ihnen. Die zugehörigen Pfosten trugen ursprünglich das Dach, welches die 6,5 - 14 m² große Grube vollständig bedeckte. Bei den Grubenhäusern handelt es sich also um eingetiefte, überdachte Gebäude. Sie werden überwiegend als Werkgebäude genutzt worden sein. Auf anderen Ausgrabungen fanden sich in den Gruben wiederholt Hinweise auf Textilherstellung, vor allem Webgewichte von Gewichtswebstühlen.
Wenige Belege für die Gewinnung und Verarbeitung von Eisen liegen aus dem nördlichen und östlichen Randbereich der Siedlung vor. Im Norden konnte eine mit Eisenschlacke gefüllte Grube eines Verhüttungsofens nachgewiesen werden. 150 m südöstlich davon lag eine Grube, die neben mehreren kleineren Bruchstücken von Essesteinen auch den beim Schmieden des Eisens anfallenden Hammerschlag enthielt.

Bei dem Fundplatz von Wittenborn handelt es sich um eine landwirtschaftlich geprägte Siedlung. Gebäudegrundrisse, welche andere Grundrisse überschneiden sowie auffällige Unterschiede in der Ausrichtung der Langhäuser, belegen eine Besiedlung über einen längeren Zeitraum. Aufgrund des einheitlichen Fundmaterials ist allerdings von einer Dauer von nicht mehr als 100 - 200 Jahren auszugehen.
Die besondere Bedeutung der Ausgrabungen in Wittenborn liegt in den nachgewiesenen Strukturen und der Größe der freigelegten Fläche. Bislang wurde in Schleswig-Holstein noch keine völkerwanderungszeitliche Siedlung, vergleichbar flächendeckend, untersucht. Auf der Grundlage der Grabungsergebnisse werden sich wichtige Erkenntnisse über die kulturelle Einordnung Mittelholsteins zur Zeit der Völkerwanderung ergeben.

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Filmrolle (Quelle stock.xchng)

In bewegten Bildern: Das Archäologische Landesamt stellt sich vor.
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